Mittenmang

Hier können meine Kolumnen, die seit Juli 2020 jeden zweiten Mittwoch im Fehmarnschen Tageblatt erscheinen, nachgelesen werden.


07.10.2020

Was ist wichtiger? Die Frage oder die Antwort? Natürlich die Frage, denn diese impliziert ja schon die Antwort. Anders gesagt: Ohne Fragen keine Antworten. Um an gute Antworten zu kommen, sind die eben guten Fragen die Voraussetzung. Und das ist der Knackpunkt: Wir neigen dazu, uns zu sehr auf Ergebnisse und generelle Befriedigung zu richten, als mit der richtigen Frage schon zu Beginn des Denkprozesses den richtigen Weg einzuschlagen. Ok, das klingt jetzt alles recht abstrakt. Es geht in erster Linie um die Fragen, die wir uns selbst stellen. Das passiert ständig, denn Denken ist eine Reihe und meist auch Kettenreaktion von Fragen an uns selbst. (Na, hast Du Dir gerade die Frage gestellt, ob das stimmt?) Wenn es einem schlecht geht, miese Laune zum Beispiel, dann kann man sich fragen: Warum geht es mir schlecht? Oder man stellt sich die Frage: Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Die erste Frage hilft nicht weiter. Die zweite schon. Oder um George Bernhard Shaw zu zitieren: „Viele Menschen sehen die Dinge, so wie sie sind – und fragen: ‚Warum?‘ Ich träume von Dingen, die es noch nie gegeben hat, und frage: ‚Warum eigentlich nicht?‘“

Es ist also lohnenswert sich über die richtigen Fragen Gedanken zu machen – auch wenn dies schwer fällt, denn wir fahren im Alltag doch gern gedanklich auf Autopilot und das Außergewöhnliche oder die Krise zwingt uns diesen wieder auszuschalten. Ist nur schade, wenn das zu spät ist, da wir gute Fragen schlecht trainiert haben.

Wer Kinder hat, hat das Glück mit Fragen geradezu bombardiert zu werden. Mit richtig guten Fragen, denn Kinder möchten dazulernen, eigenständig denken und sie versuchen zu beurteilen, welche Bedeutung eine Situation hat und was sie tun sollen. Sie wollen uns damit nicht nerven – auch wenn es sich so anfühlt. Viele Fragen bedeuten viele Blickwinkel und erweitern unser Sichtfeld.

Mit Fragen nehmen wir direkten Einfluss auf unser Denken und das unserer Mitmenschen. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich frage: „Bin ich glücklich? Was bringt mir Glück?“ oder ob ich frage: „Worüber bin ich jetzt gerade glücklich? Wofür bin ich heute dankbar?“ Eigentlich recht schöne Fragen, oder? Bleibt noch kurz zu klären: Gibt es dumme Fragen? Antwort: Ja.

Euer Patrick


23.09.2020

Es gibt eine Menge Superhelden. Ja, ich meine diese Menschen und Wesen mit übermenschlichen Kräften, Heldenmut und dem Hang das Böse zu bekämpfen. Sie sind popkulturell allgegenwärtig in Kino, Serien, Bücher und natürlich Comics. Ein gänzlich modernes Phänomen sind Geschichten mit Superhelden nicht. Schon literarische Figuren wie Herakles oder Simson faszinierten mit besonderen Kräften und abenteuerlichen Geschichten. Und immerhin ist Batman auch schon über 80 Jahre alt. Mittlerweile gibt es sogar den jährlich stattfindenden Batman-Tag. Es gibt also nicht nur eine große Zahl verschiedener Superhelden, sondern auch eine umsatzstarke Unterhaltungsbranche.
Möglicherweise funktioniert das gerade so gut, da es bei vielen Menschen nicht nur eine Sehnsucht nach Helden gibt, sondern auch nach fantastischer Übermenschlichkeit. Dass der Eskapismus uns gern mal in ein Abenteuer auf dem Bildschirm oder in ein Buch, in dem es eher einfach gestrickt zugeht, treibt, ist eine Sache. Auf der anderen Seite sollte unser privilegiertes Leben nicht so langweilig sein, dass Superhelden nicht in eben diesem stattfinden dürfen. Das „super“, also das Übermenschliche, ist zwar der Fiktion zu überlassen, aber über sich hinauszuwachsen ist auch eine Möglichkeit. In den lustigen Taschenbüchern gibt es Donald Ducks Alter Ego Phantomias. Wer Donald kennt, weiß, dass er in der Regel vom Pech verfolgt, faul und nicht ganz so helle wie seine Neffen ist, aber schon schlauer als Dussel. (Übrigens wurde Phantomias 1969 geschaffen, da sich Kinder beim Verlag beschwerten, dass Donald immer nur als Verlierer dargestellt wurde.) Als Phantomias legt er diese Eigenschaften ab und als Leser fragt man sich doch, warum er nicht auch tagsüber im normalen Leben so schlau und mutig wie sein zweites Ich sein kann. Was hindert ihn eigentlich? Außergewöhnlich funktioniert halt nur im Gewöhnlichen.
Selbst diejenigen, die sich nicht für heldenhafte Figuren begeistern können, finden Faszination am Außergewöhnlichen. Für den notorisch unpünktlichen Menschen, ist das einmalige Pünktlichsein eine Heldentat. Oder einfach nett zu jemanden sein, der dies nicht war – eine Superkraft. Lächeln ist auch so eine Superkraft. Die besitzen wir alle und in unbegrenztem Maße. Es gibt übrigens nicht nur den Batman-Tag, sondern auch des Tag des Lächelns. Am 2. Oktober findet der dieses Jahr statt und wir können alle Superhelden sein.

Euer Patrick


09.09.2020

Geschmacksneutral. Ein Wort, das wir in Bezug auf Lebensmittel kennen. Da gibt es eben Dinge, die keinen spezifischen Geschmack haben und daher lässt sich darüber auch nicht streiten. Über Musik, Filme, Bücher oder ganz allgemein über Kunst lässt sich hingegen streiten. Nun gut, besser gesagt diskutieren. Da trifft der Geschmack schon mal oder es ist geschmacklos. Da sind die Geschmäcker verschieden.

Ich lese gerade ein Buch, dass gemeinhin als Klassiker bezeichnet wird – zumindest im Genre der Science-Fiction. Jedenfalls wurde mir mit dem Wissen, dass es sich um ein wohl gutes und honoriertes Buch handelt, eine Geschmacksrichtung vorgegeben. Nachdem ich nun etwa die Hälfte des Romans gelesen habe, komme ich zu dem Schluss, dass ich ohne das Wissen bereits das Buch beiseite gelegt hätte. Aber ich lese weiter und kann nun nicht mehr ganz entscheiden, ob ich es mag oder nicht. Es fühlt sich gerade geschmacksneutral an.

Ähnliches empfand ich bei Liedern, die mir vor Jahren egal waren. Sie lösten bei mir keine bestimmten Emotionen aus. Sie waren mir gegenüber neutral. Ich war ihnen gegenüber neutral. Mittlerweile können solche Lieder bei mir sehr wohl Gefühle auslösen und ich habe Geschmack an ihnen gefunden.

Sich der Geschmacksneutralität hinzugeben ist ein Resultat der Gelassenheit. Unvoreingenommen und mit innerer Ruhe nicht nur den Dingen an sich, sondern auch den schwierigen Situationen, mit Fassung gegenüberstehen. Das ist doch ganz wunderbar. Das gefällt mir und das klingt furchtbar erwachsen. Die Jugend hingegen hat das Privileg der Unruhe. Sich eben nicht gelassen geben, sondern sagen, ja, heraus schreien, was nicht gefällt. Die selbsternannten Geschmacklosigkeiten vorführen und missbilligen. Da heißt es über Geschmack streiten, denn es gibt den guten und schlechten Geschmack. Und auch das ist ganz wunderbar.

In einem Gespräch mit einer befreundeten Lehrerin kam sie auf die Schüler zu sprechen, die fürchterlich angepasst waren. Jugendliche, die als Berufswunsch den der Eltern hatten. Sie spürte da keine Rebellion. Wir waren jedenfalls der Meinung, dass Jugend aufbegehrend sein sollte. Auch wenn es anstrengend ist und zu Streitereien führt. Aber dafür haben wir ja unsere Gelassenheit. Unsere Geschmacksneutralität, die mich das Buch weiterlesen lässt, das ich als Jugendlicher in die Ecke geworfen hätte. Ich muss mich zumindest nicht mehr mit Büchern streiten.

Euer Patrick


26.08.2020

Geschenke sind ein wichtiger Bestandteil unserer Beziehungen zu anderen Menschen, zugleich eine sehr große Herausforderung. Nicht selten mit Enttäuschung verbunden und daher ist es nicht verwunderlich, wenn es gern mal heißt: „Wir schenken uns nichts.“ Das scheint eine gute Lösung für das Problem mit dem Schenken zu sein. Kein Kopfzerbrechen mehr, was ihr oder ihm eine Freude machen könnte. Und überhaupt: Kann sie oder er es denn gebrauchen? Mir persönlich sind Geschenke gar nicht so wichtig. (Auch so ein Satz …) Aber dennoch freue ich mich über Geschenke. Bei nicht so gelungenen Gaben freue ich mich über die Geste – wirklich.

Mir gefiel schon immer die Herleitung vom Wort „Gift“, welches im Englischen ja noch die Bedeutung von Gabe bzw. Geschenk hat. Die Übergabe einer Aufmerksamkeit, einer, ganz allgemein gesagt, Sache, kann wohltuend, aber auch toxisch sein. Wie bei einer Arznei sollte ein Geschenk in Dosis und Art angepasst sein. Das gelingt nicht immer – klar. Bei manchen sogar äußerst selten und bei anderen wiederum klappt es immer. Sie finden stets das richtige Geschenk.

Das ergibt natürlich nur Sinn bei einer bestimmten Voraussetzung: Die Nichterfüllung von Wünschen. Erfülle ich einfach nur den Geschenkwunsch, dann bin ich eben nur der Überbringer. Als Eltern sind wir oft diese Überbringer. (Vorher überlassen wir es den fantastischen Wesen.) Zwischen Erwachsenen jedoch sollte es nicht um Wunscherfüllung gehen, sondern um die Geste und welcher Gedanke hinter dem Geschenk steht. Daher können Geschenke eine freudige Überraschung sein, obwohl man sich für wunschlos glücklich hält.

Warum schreibe ich jetzt und nicht in vier Monaten über Geschenke? Ich hatte gerade Geburtstag und ich wurde beschenkt. Eben nicht nur mit Dingen, sondern auch mit liebevoller Aufmerksamkeit. Und seien wir mal ehrlich: Das tut gut. Jede und jeder hat glücklicherweise Geburtstag und darf diese Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und freut sich darüber hinaus über eine kleine Aufmerksamkeit – sprich Geschenk. Auch auf die Gefahr, dass es mal giftig sein kann, sollten wir uns gegenseitig beschenken, denn für unsere Beziehungen kann es sehr heilsam sein.

Euer Patrick


21.8.2020

Wollen wir uns nicht einfach duzen? Ich biete gern das „Du“ an und meist wird es auch gern angenommen. Ob nun das Siezen höflicher und respektvoller ist, liegt in der Bewertung einer jeden und eines jeden selbst. Ich persönlich behalte meinen Respekt auch beim Duzen bei – beruflich und privat. Per Du auf Augenhöhe kann störende Hierarchien abschaffen. Dass der Respekt nicht verloren geht, haben meine Frau und ich in Norwegen kennengelernt. Dort wird, wie etwa auch in Schweden, stets geduzt. Da die Tasche meiner Frau nach einer Busfahrt in Oslo verschwunden war, machten wir uns auf den Weg zur Polizeihauptwache der Stadt. Das Gebäude, die Polizistinnen und Polizisten und das allgemeine Gewusel machte Eindruck. Nachdem wir uns am Eingang angemeldet hatten, mussten wir noch etwas warten. Dann wurde meine Frau aufgerufen. Mit ihrem Vornamen. Die Polizistin duzte meine Frau von Anfang an und das noch in einem guten Deutsch. Es war angenehm menschlich und der Respekt blieb.

2017 wurde auf „Deutschlandfunk Kultur“ von einer Studie berichtet, dass in Norddeutschland mehr geduzt wird als im Süden der Republik. Da hieß es „Je Norden desto Du“. Das liegt wohl an der Nähe zu unseren skandinavischen Nachbarn. Eine bundesweite Du-Reform, wie vor 50 Jahren in Schweden, wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Aber für Fehmarn habe ich noch Hoffnung – die Insel, auf der geduzt wird.

Euer Patrick


29.07.2020

Ich habe gelernt, dass man einen Satz nicht mit „Ich“ beginnen und dass man „man“ eher nicht gebrauchen sollte. Und doch mache ich dies recht häufig und gern; auch einen Satz mit „Und“ zu beginnen war in den Augen meiner Deutschlehrerin kein guter Stil. Zudem mag ich den Gebrauch des Semikolons; es kommt einfach zu selten vor.

Als ich noch als Wissenschaftler an der Uni Kiel Handschriften um 1800 ediert habe, lernte ich einiges an Varianten und, ich sage mal, den lockeren Umgang mit Schreibweisen kennen. Die SchreiberInnen konnte ich gut an der Handschrift unterscheiden, aber es wurde auch viel abgeschrieben. Anhand der Schreibung von Wörtern und des Gebrauchs von Satzzeichen, konnte ich gut den Urheber bestimmen. Es war nicht immer leicht zu bestimmen, ob Wörter falsch geschrieben wurden oder ob es einfach eine der Eigenarten der VerfasserInnen war. Die Vereinheitlichung der Schreibung begann ja erst zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Ich mag noch immer den Gebrauch von „mogte“ für „mochte“. Das liegt auch daran, dass meine Tochter als Kleinkind gern „mogte“ gebrauchte. Das war wohl einige Zeit auch Mode, denn so ist in dem „Wochenblatt über die Richtigkeit des deutschen Ausdrucks“ (Jahrgang 1802) zu lesen: „Es giebt viel sonderbare Menschen in der Welt, welche sich selbst über gewisse Erfindungen, auf die ein Kind eben so gut verfallen könnte, heimlich und öffentlich Beifall zuklatschen, und dann am Ende doch wohl – gänzlich Unrecht haben. So geht es denen, welche ‚mogte, ‚mögte‘ und ‚gemogt‘ schreiben, und sich hoch über diejenigen hinausdünken, die bei dem längst eingeführten und lange allgemein gebräuchlich gewesenen ‚mochte‘, ‚möchte‘ und ‚gemocht‘ bleiben.“

Sprache und deren Schreibung ist steter Veränderung unterworfen, ob nun bewusst gesteuert oder sich frei entwickelnd. Ich bin daher sprachlichen Veränderungen, ob nun in der Jugendsprache oder der starke Einfluss von Begriffen durch Internet und Digitalisierung, aufgeschlossen. Und ich freue mich sehr, wenn meiner Tochter noch vereinzelnd ein „mogte“ herausrutscht.

Euer Patrick