Mittenmang

Hier können meine Kolumnen, die seit Juli 2020 jeden zweiten Mittwoch im Fehmarnschen Tageblatt erscheinen, nachgelesen werden.


Moin!


13.01.2021

„Die Kneipen schließen, die Kinos auch | Und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus | Die Nachrichten rennen dem Algorithmus hinterher | Wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr.“ Dies sind Worte aus dem Lied „Gegenwart“ der Band AnnenMayKantereit. Es ist leicht zu erkennen, dass es in den letzten Monaten entstanden ist. Ein ganzes Album haben sie in der Zeit, in der sie nicht Konzerte spielen durften, aufgenommen. Das genannte Lied hat mich beim ersten Hören gepackt; es ist auch überaus eingängig, was ich mag. Nun sind wir alle von der aktuellen Situation unterschiedlich getroffen und auch betroffen. Da gibt es Ängste, Frust und verhaltenen Optimismus. Es würde gut tun, den guten alten Eskapismus hervorzuholen und sich in eine andere Welt oder Zeit zu versetzen. Kann durchaus funktionieren, wenn die Welt und die Zeit ganz weit weg ist. Denn bei Orks oder auf fernen Planeten stört mich der nicht eingehaltene Mindestabstand nicht, aber ein Film im Hier und Jetzt, bei dem alle sich so verhalten, als sei nichts gewesen, berührt mich nicht mehr. Konkreter: Ob der Held nun die Welt rettet oder nicht – egal, ist ohnehin nicht mehr meine Welt.

Das sieht natürlich jeder Mensch anders, denn die eigene Welt kann durchaus sehr eng oder auch äußerst weit gefasst werden. Kneipen, Kinos und Schauspielhäuser kann ich zu meiner Welt zählen. Und dann kommt diese Zeile mit Moria. Nach Moria kam das Lager Kara Tepe. Es wurde für die Menschen schlimmer. Dort werden die Kinder nachts von Ratten angefressen.

Ich kann mich noch sehr gut an den Moment meiner Kindheit erinnern, als ich mit meinen Eltern die Tagesschau im Fernseher sah und mir zum ersten Mal bewusst wurde, was alles Schreckliches in der Welt geschieht. Mich überkam Angst und ein Gefühl der Machtlosigkeit. Mit der Zeit lernte ich mich von den schlimmen Dingen jener Welt zu distanzieren und die schönen Dinge dieser (meiner) Welt zu sehen. Drang dann ein Unglück in meine Welt war das natürlich vorherrschend und überhaupt das Allerschlimmste. Auch diese Dummheit habe ich mittlerweile überwunden. Daher geht mir das Bild mit den Ratten nicht mehr aus den Kopf. Ich hoffe, euch auch nicht. #LeaveNoOneBehind

Euer Patrick


30.12.2020

Lust auf einen Jahresrückblick? Ich bin mir selbst nicht so sicher, was ich davon halten soll. Grundsätzlich sollte ein solcher Rückblick die positiven und auch die negativen Dinge beinhalten. Man sollte dies nun auch nicht zu genau nehmen; wenn am Ende die schönen Dinge überwiegen, dann überwiegt die Freude. Ist nüchtern betrachtet das Jahr wirklich mies verlaufen, dann hilft der Selbstbetrug. Einfach den wenigen positiven Erlebnissen mehr Gewicht verleihen und schon fühlt es sich besser an. Ich habe hier den persönlichen Jahresrückblick im Blick und diesen übertrage ich in die Erwartungshaltung auf das kommende Jahr. Nicht diese törichten Vorsätze, die den Selbstbetrug schon vorwegnehmen, sondern eine Vision entwickeln. Einen Anblick dessen, was einem persönlich geschehen soll.

Nun kommen die Dinge für gewöhnlich und daher nicht selten anders. Also flexibel im Denken bleiben und nicht verzagen! Das klingt jetzt nach billiger Durchhalteparole, Kalenderspruch und Wandtattoo. Mir egal. Auffällig an Vorsätzen und Visionen für die Zukunft ist der Egoismus. Wir wünschen für uns alles Mögliche – nur das Beste. Auch wenn wir uns für unsere Familien das Beste wünschen, dann fällt es ja auch auf uns zurück. Mit der Nächstenliebe können wir uns anfreunden, wenn es denn gerecht zugeht. Es muss ja nicht gleich die Feindesliebe sein, aber denen, die uns fern sind die Freundschaft anzubieten, ist äußert zukunftsorientiertes Denken. Denn darum geht es bei der alljährlichen Rückschau: die Zukunft. Zwischen den Jahren (oder das norddeutsche „Zwischen den Tagen“) ist ein hübscher Ausdruck, der uns Zeit für eine Neuorientierung gibt – Denken und Handeln überdenken.

Bei alldem werden wir oft von den Gewohnheiten übermannt und die Routine, einem Automatismus gleich, führt unseren Blick weg von uns selbst zu den anderen, denen es ähnlich geht („Puh!“), besser geht („Mist!“) oder gar schlechter („…“). Dies sind die Grundpfeiler für Tratsch. Ich verstehe zwar, dass Tratsch gesellschaftlich wichtig sein kann, mache mir selbst daraus kaum was. Klar, damit bin ich schlechter informiert über die Dinge, die mich nichts angehen, habe dafür aber auch weniger Angst. Es ist der Vergleich und das Wissen über die Vorzüge, die der Nächste, Ferne oder gar Feind genießt, was Angst machen kann. Und zwar diese ganz spezielle Angst der Deutschen: Das Zukurzkommen. Daher finde ich einen Jahresrückblick gar nicht mal schlecht, wenn er ein Blick nach innen ist, der nach außen gelangt und mit Selbstzufriedenheit und daher mit Gelassenheit den Mitmenschen gegenüber begegnet. Dann also „Prost“, was so viel heißt wie „es nütze“.

Euer Patrick


16.12.2020

Lust auf eine Partie? Die Pandemie und Netflix haben einen Schachboom ausgelöst. Schachbretter sind beinahe ausverkauft. Online-Schach wird überrannt und Videokurse sind beliebt wie nie zuvor. Bevor es zu einem Missverständnis kommt: die Pandemie mit ihren Auswirkungen, wie etwa dem vermehrten Zuhausebleiben, und Netflix stecken da nicht unter einer Decke. Die Miniserie „Das Damengambit“ über eine junge Frau, die in den USA der 1960ern eine Schachkarriere durchläuft, ist nicht nur eine sehr gute Serie, sie macht auch ganz offensichtlich Lust auf Schach. Auch bei uns in der Familie. Die grundsätzlichen Regeln sind einfach und daher können Kinder schon sehr früh Schach lernen. Glück spielt keine Rolle und jede Partie ist anders. Zudem ist es ein sehr höflicher Sport. Der Verlierer gibt respektvoll dem Sieger die Hand und man gewährt dem Gegner die Bedenkzeit, die er für den nächsten Zug braucht.

Nun stehen uns der nächste Lockdown und die Feiertage bevor. Anders als im Frühjahr ist es diesmal, nun ja, kein Frühjahr. Allein das kann auf das Gemüt schlagen. Fatal wäre es, sich gehen zu lassen und in die Unsicherheit hineinzuleben. Hilfreich wäre es, eine Strategie für die Zeit zu entwickeln. Oder lieber eine Taktik? Savielly Tartakower meinte dazu: „Taktik ist, was man tun muss, wenn etwas zu tun ist. Strategie ist, was man tun muss, wenn nichts zu tun ist.“ Tartakower war Schachspieler und redet hier auch über Schach.

Nun hinken Vergleiche in der Regel. Das Leben ist kein Brettspiel. Wir Menschen sind die unbewegten Beweger; sind ausgestattet mit Höflichkeit und Respekt. Also was bleibt am Ende? Es scheint doch wieder alles viel zu verkopft, wenn zwischen den Zeilen große Erkenntnisse erwartet werden oder Geheimnisse. Also runter auf den Teppich und weg mit der Decke, unter der niemand zusammen steckt, und, ihr ahnt es, die Kinder gefragt, was denn nun so toll am Schach ist. Antwort: „Es bringt einfach Spaß.“ Was Kinder sagen, ist für Erwachsene oft schwer zu denken. Daher noch eine letzte Frage ohne Antwort: „Was ist denn nun so toll am Leben?“

Euer Patrick


02.12.2020

Kaffee oder Tee? Beatles oder Stones? Hund oder Katze? Lego oder Playmobil? Obwohl das noch recht harmlose Beispiele für das „Entweder-Oder“ sind, können selbst die für Diskussionen sorgen. Sogar für einen innerlichen Unmut verantwortlich sein, denn wir möchten für uns selbst ja auch Klarheit. Was möchte ich und was mag ich überhaupt? Sich für eine Sache zu entscheiden ist das eine, die Erkenntnis sich nicht entscheiden zu müssen das andere. Eine Bekannte berichtete mir zu diesem Thema, dass es sie morgens nervt, sich für Kaffee oder Tee entscheiden zu müssen, da sie beides gern trinkt. Ihre Lösung war ganz wunderbar: Sie traf die grundsätzliche Entscheidung immer im Wechsel zu trinken; den einen Tag Kaffee, den Tag darauf Tee usw.

Dem geht natürlich voraus, dass sie sich nicht in gedankliche Schubladen verirrt hat, und sie möchte sich nicht über ein Getränk definieren. Interessant wird es, wenn das Glas Wasser ins Spiel kommt. Klassische Frage bei Besuch, ob nun privat oder geschäftlich, ist oft: „Kaffee oder Tee?“ Manchmal kommt noch wie das unliebsame Kind hinterher: „Oder lieber nur Wasser?“ Das Wörtchen „nur“ sagt es schon: Wasser ist ungemütlich. Es ist nicht angemessen. Es passt nicht in das „Entweder-Oder“. Daher machen wir mit dem Wasser gleich ein neues Fass auf, indem wir es in „mit“ oder „ohne“ aufteilen. Ob nun Hang zur Symmetrie oder gedankliche Kraftschonung, Dualismus kann helfen die Welt zu deuten, macht es sich aber oft zu leicht. Es fehlen die Grautöne. In diesem Zwielicht kann sich eine Entspannung ausbreiten, sich nicht für Tag oder Nacht entscheiden zu müssen, sondern beides gleichermaßen zuzulassen.

Eine solche Überlegung ist im Grunde auf so ziemlich alles anwendbar. Philosophie, Politik, Gesellschaft oder Kunst. Ich persönlich mag die Idee, die hinter dem traurigen Clown steckt. Der Clown Joseph Grimaldi soll folgenden Witz über sich selbst verbreitet haben: „Ein junger Mann geht zum Arzt und klagt über seine unüberwindlichen Depressionen. Darauf rät ihm der Arzt, er solle doch zum berühmten Clown Grimaldi gehen, um sich aufzuheitern. Der Patient erwidert: ‚Aber ich bin doch Grimaldi.‘“

Es lässt sich also durchaus hin und wieder ein „oder“ durch ein „und“ ersetzen. Mein Sohn macht das ständig: „Papa, welchen Superhelden findest du am besten? Spiderman oder Batman?“ Ich überlege, wäge ab und komme zu dem Schluss: „Batman.“ Darauf mein Sohn: „Ich finde beide am besten.“ Recht hat er.

Euer Patrick


18.11.2020

In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Keine Sorge, jetzt folgt keine Empörung, sondern nur die kleine Überlegung, in welcher der drei Zeitgestalten man sich am liebsten aufhält. Sich ausschließlich in der Vergangenheit zu baden oder alles nur auf die Zukunft auszurichten darf gern mal unangebracht, wenn nicht sogar schädlich sein. „Aber wir leben doch in der Gegenwart“ mag nun der richtige Satz sein. Geschenkt. Die Gegenwart ist nicht genau zu bestimmen – sie ist irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der Gehirnforschung legen Studien nahe, dass das Gehirn die Gegenwart in knapp drei Sekunden verarbeitet. Ein Zeitraum, der gut zu Einheiten in Lyrik und Musik passt. Innerhalb der Lieder, die wir hören, oder der Texte, die wir lesen, wandern wir mit unserer gegenwärtigen Aufmerksamkeit durch die Zeit.

Und dann kommt das Reisen durch die Zeit; die Nostalgie etwa. Das Hören der alten Lieder kann uns in die Vergangenheit zurückholen. Nicht nur zufällig, sondern ganz bewusst. Das sind nicht nur Erinnerungen, sondern emotionale Zeitreisen. Das geht natürlich auch mit Gegenständen, Bildern, Orten und Fernsehserien. Die Nostalgie ist Heimweh und kann uns ein heimeliges Gefühl geben.

Welches ist wohl das erfolgreichste Hörspiel der Welt und Einschlafhilfe Nummer eins der Deutschen? Die Drei ??? sind auch bei mir ein Stück Heimat. Die vertrauten Stimmen sind es, die viele Menschen wohlig in den Schlaf begleiten. Die nostalgische Krönung ist, dass die Hörspiele bis heute neben modernen Varianten auch stets als Schallplatte und Kassette zu erwerben sind.

Da schwingt auch immer ein Stück Verlässlichkeit mit – bei dem, was uns lieb geworden ist. Mit einer solchen Vergänglichkeit im Rücken lässt es sich auch offener mit der Zukunft umgehen. Gedankenspiele, wie es in der Zukunft aussehen könnte, sind spannend, erwartungsvoll oder auch beängstigend. Kommt halt darauf an, wen man fragt oder wie alt die Person ist. Jedenfalls macht die Gegenwart den Unterschied aus. Drei Sekunden Zeit haben wir, um ein Stück Zukunft zu gestalten. Kaum über die Sekunden nachgedacht sind diese schon vergangen. Recht schnell. Das wusste schon Friedrich Schiller: „Dreifach ist der Schritt der Zeit: | Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, | Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, | Ewig still steht die Vergangenheit.“

In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Drei Zeiten. Drei Sekunden. Drei ???.

Euer Patrick


04.11.2020

Lineares Fernsehen und nichtlineares Fernsehen. Ersteres ist das, was noch gemeinhin als Fernsehen verstanden wird. Letzteres bezeichnet das Schauen von Nachrichten, Filme, Serien etc. über das Internet und ist zeitlich flexibel abrufbar. Bei einem von beiden gibt es den interessanten Aspekt des Gemeinschaftsgefühls, denn zu einer festen Uhrzeit wird eingeschaltet. Man schaut gleichzeitig. Nun verliert das lineare Fernsehen an Bedeutung, was nachvollziehbar und schade zugleich ist. Das sage ich, obwohl ich vor etwa zehn Jahren den Fernseher in den Keller gestellt habe. Es war mir nicht möglich mich zu disziplinieren und dem Zapping zu entkommen – also kalter Entzug. Das tat sehr gut, auch wenn ich noch ein paar Tage auf dem Sofa liegend eine Phantomfernbedienung in der Hand spürte.

Ich stellte fest, dass ich somit zu den 1% der Nichtfernseher gehörte. Ein unglaublich positiver Effekt war der Zeitgewinn. Was kann man an einem Abend so alles lesen, hören oder anderweitig machen, wenn das Fernsehprogramm einem nicht die Zeit stiehlt! Dies gilt auch nach wissenschaftlichen Studien (Ja, die gibt es darüber.) als größter Vorteil. In Peter Sickings „Leben ohne Fernsehen. Eine qualitative Nichtfernseherstudie“ steht: „Das alltägliche Handeln der bewusst-reflektierten Nichtfernseher wird maßgeblich von ihrem Bedürfnis nach authentischer, bewusster Welterfahrung und sinnhafter, selbstbestimmter Lebenserfüllung bestimmt.“ Das Buch ist 2008 erschienen und ich muss eingestehen, dass ich das TV-Gerät durch ein Smartphone ersetzt habe. Zeit wird nicht vor der Glotze, sondern mit dem internetfähigen Ackerschnacker totgeschlagen. Für eine bewusstere Welterfahrung müsste nun das Smartphone in den Keller oder es braucht eben mehr Disziplin mit dem Umgang.

Jedenfalls hat mich das lineare Fernsehen wieder eingeholt, da es mittlerweile auch im Netz ausgestrahlt und kein Fernseher benötigt wird. Gut für mein Gemeinschaftsgefühl, aber als Nichtfernseher kann ich mich also nicht mehr bezeichnen. Gerne möchte ich aber noch „bewusst-reflektiert“ sein – so mit Lebenserfüllung und so weiter. Da hilft der gute alte Strandspaziergang, ohne Handy versteht sich. Was für ein Privileg hier zu leben und stets an den Strand fahren zu können! Neben der Tatsache die Gedanken schweifen zu lassen, liebe ich den Blick auf das Meer bis zu dem Horizont. Und da bin ich es dann gern: ein Fernseher.

Euer Patrick


21.10.2020

Schreibblockade. Das kommt immer wieder mal vor. Ich stehe mit verschiedenen Menschen im Kontakt, die mit Hilferufen in einen Forum oder einer Gruppe im Internet nach Lösungen suchen, sich aus einer Schreibblockade zu befreien. Da gibt es viele Möglichkeiten: Spaziergang, Vertagen, Alkohol, Tee, Kaffee, Musik oder Zeitdruck. Oder ganz was anderes. Letztendlich ist es egal wie man die Blockade in den Griff bekommt. Ich finde es allerdings erstaunlich, dass es zu einer solchen Blockade kommt, denn sie scheint keinem Zweck zu dienen außer Frust hervorzurufen. Frust hilft nun genau so wenig wie Aufregung und der erste Schritt sollte es sein die Stimmung zu verbessern. Daher helfen die genannten Tipps in der Regel auch.

Ich selbst fange mit dem ersten Satz an. Klingt jetzt furchtbar banal. Aber ein mieser Satz ist zumindest ein Satz und zugleich ein Einreißen der Blockade. Sprachlich zeigt sich hier ein Unterschied: Blockaden lösen und Blockaden einreißen. Welches Modell letztendlich funktioniert, hängt oft mit der Höhe des Zeitdrucks zusammen. Außerdem braucht es auch Entscheidungskraft. Jedes Wort ist im Grunde eine Entscheidung. Leider haben wir pro Tag nur eine begrenzte Ressource an Entscheidungen zur Verfügung. Treffen wir über den Tag verteilt Entscheidungen, wird das Entscheidungskonto immer leerer – abends spüren wir es. Allein morgens sich darüber Gedanken zu machen, was wir anziehen wollen, leert dieses Konto. Daher trug z.B. Steve Jobs immer das gleiche; er wollte sich morgens nicht mit unwichtigen Entscheidungen plagen und seine Ressourcen schonen.

Nun fragst Du Dich vielleicht, ob ich eine Schreibblockade hatte, als ich diese Kolumne beginnen wollte. Nicht ganz. Ehrlich gesagt hatte ich einen anderen Text geschrieben und er funktionierte nicht richtig. Ich mag ihn, aber nicht als Kolumne. Das ist die nächste Stufe der Frustration: Kill your darlings. Liebgewordenes sterben lassen. Formulierungen, Ideen, Wörter, auf die man stolz ist, die aber nicht dem Ziel dienen, streichen müssen. Da hat man die Blockade überwunden und dann ist es nötig einen Teil davon wieder verschwinden zu lassen. Kreativität und Methode gehen Hand in Hand. Daher ist es immer eine spannende Frage: Wie viel Persönlichkeit des Menschen steckt in seinem Text? Alles. Immer. Wirklich.

Euer Patrick


07.10.2020

Was ist wichtiger? Die Frage oder die Antwort? Natürlich die Frage, denn diese impliziert ja schon die Antwort. Anders gesagt: Ohne Fragen keine Antworten. Um an gute Antworten zu kommen, sind die eben guten Fragen die Voraussetzung. Und das ist der Knackpunkt: Wir neigen dazu, uns zu sehr auf Ergebnisse und generelle Befriedigung zu richten, als mit der richtigen Frage schon zu Beginn des Denkprozesses den richtigen Weg einzuschlagen. Ok, das klingt jetzt alles recht abstrakt. Es geht in erster Linie um die Fragen, die wir uns selbst stellen. Das passiert ständig, denn Denken ist eine Reihe und meist auch Kettenreaktion von Fragen an uns selbst. (Na, hast Du Dir gerade die Frage gestellt, ob das stimmt?) Wenn es einem schlecht geht, miese Laune zum Beispiel, dann kann man sich fragen: Warum geht es mir schlecht? Oder man stellt sich die Frage: Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Die erste Frage hilft nicht weiter. Die zweite schon. Oder um George Bernhard Shaw zu zitieren: „Viele Menschen sehen die Dinge, so wie sie sind – und fragen: ‚Warum?‘ Ich träume von Dingen, die es noch nie gegeben hat, und frage: ‚Warum eigentlich nicht?‘“

Es ist also lohnenswert sich über die richtigen Fragen Gedanken zu machen – auch wenn dies schwer fällt, denn wir fahren im Alltag doch gern gedanklich auf Autopilot und das Außergewöhnliche oder die Krise zwingt uns diesen wieder auszuschalten. Ist nur schade, wenn das zu spät ist, da wir gute Fragen schlecht trainiert haben.

Wer Kinder hat, hat das Glück mit Fragen geradezu bombardiert zu werden. Mit richtig guten Fragen, denn Kinder möchten dazulernen, eigenständig denken und sie versuchen zu beurteilen, welche Bedeutung eine Situation hat und was sie tun sollen. Sie wollen uns damit nicht nerven – auch wenn es sich so anfühlt. Viele Fragen bedeuten viele Blickwinkel und erweitern unser Sichtfeld.

Mit Fragen nehmen wir direkten Einfluss auf unser Denken und das unserer Mitmenschen. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich frage: „Bin ich glücklich? Was bringt mir Glück?“ oder ob ich frage: „Worüber bin ich jetzt gerade glücklich? Wofür bin ich heute dankbar?“ Eigentlich recht schöne Fragen, oder? Bleibt noch kurz zu klären: Gibt es dumme Fragen? Antwort: Ja.

Euer Patrick


23.09.2020

Es gibt eine Menge Superhelden. Ja, ich meine diese Menschen und Wesen mit übermenschlichen Kräften, Heldenmut und dem Hang das Böse zu bekämpfen. Sie sind popkulturell allgegenwärtig in Kino, Serien, Bücher und natürlich Comics. Ein gänzlich modernes Phänomen sind Geschichten mit Superhelden nicht. Schon literarische Figuren wie Herakles oder Simson faszinierten mit besonderen Kräften und abenteuerlichen Geschichten. Und immerhin ist Batman auch schon über 80 Jahre alt. Mittlerweile gibt es sogar den jährlich stattfindenden Batman-Tag. Es gibt also nicht nur eine große Zahl verschiedener Superhelden, sondern auch eine umsatzstarke Unterhaltungsbranche.
Möglicherweise funktioniert das gerade so gut, da es bei vielen Menschen nicht nur eine Sehnsucht nach Helden gibt, sondern auch nach fantastischer Übermenschlichkeit. Dass der Eskapismus uns gern mal in ein Abenteuer auf dem Bildschirm oder in ein Buch, in dem es eher einfach gestrickt zugeht, treibt, ist eine Sache. Auf der anderen Seite sollte unser privilegiertes Leben nicht so langweilig sein, dass Superhelden nicht in eben diesem stattfinden dürfen. Das „super“, also das Übermenschliche, ist zwar der Fiktion zu überlassen, aber über sich hinauszuwachsen ist auch eine Möglichkeit. In den lustigen Taschenbüchern gibt es Donald Ducks Alter Ego Phantomias. Wer Donald kennt, weiß, dass er in der Regel vom Pech verfolgt, faul und nicht ganz so helle wie seine Neffen ist, aber schon schlauer als Dussel. (Übrigens wurde Phantomias 1969 geschaffen, da sich Kinder beim Verlag beschwerten, dass Donald immer nur als Verlierer dargestellt wurde.) Als Phantomias legt er diese Eigenschaften ab und als Leser fragt man sich doch, warum er nicht auch tagsüber im normalen Leben so schlau und mutig wie sein zweites Ich sein kann. Was hindert ihn eigentlich? Außergewöhnlich funktioniert halt nur im Gewöhnlichen.
Selbst diejenigen, die sich nicht für heldenhafte Figuren begeistern können, finden Faszination am Außergewöhnlichen. Für den notorisch unpünktlichen Menschen, ist das einmalige Pünktlichsein eine Heldentat. Oder einfach nett zu jemanden sein, der dies nicht war – eine Superkraft. Lächeln ist auch so eine Superkraft. Die besitzen wir alle und in unbegrenztem Maße. Es gibt übrigens nicht nur den Batman-Tag, sondern auch des Tag des Lächelns. Am 2. Oktober findet der dieses Jahr statt und wir können alle Superhelden sein.

Euer Patrick


09.09.2020

Geschmacksneutral. Ein Wort, das wir in Bezug auf Lebensmittel kennen. Da gibt es eben Dinge, die keinen spezifischen Geschmack haben und daher lässt sich darüber auch nicht streiten. Über Musik, Filme, Bücher oder ganz allgemein über Kunst lässt sich hingegen streiten. Nun gut, besser gesagt diskutieren. Da trifft der Geschmack schon mal oder es ist geschmacklos. Da sind die Geschmäcker verschieden.

Ich lese gerade ein Buch, dass gemeinhin als Klassiker bezeichnet wird – zumindest im Genre der Science-Fiction. Jedenfalls wurde mir mit dem Wissen, dass es sich um ein wohl gutes und honoriertes Buch handelt, eine Geschmacksrichtung vorgegeben. Nachdem ich nun etwa die Hälfte des Romans gelesen habe, komme ich zu dem Schluss, dass ich ohne das Wissen bereits das Buch beiseite gelegt hätte. Aber ich lese weiter und kann nun nicht mehr ganz entscheiden, ob ich es mag oder nicht. Es fühlt sich gerade geschmacksneutral an.

Ähnliches empfand ich bei Liedern, die mir vor Jahren egal waren. Sie lösten bei mir keine bestimmten Emotionen aus. Sie waren mir gegenüber neutral. Ich war ihnen gegenüber neutral. Mittlerweile können solche Lieder bei mir sehr wohl Gefühle auslösen und ich habe Geschmack an ihnen gefunden.

Sich der Geschmacksneutralität hinzugeben ist ein Resultat der Gelassenheit. Unvoreingenommen und mit innerer Ruhe nicht nur den Dingen an sich, sondern auch den schwierigen Situationen, mit Fassung gegenüberstehen. Das ist doch ganz wunderbar. Das gefällt mir und das klingt furchtbar erwachsen. Die Jugend hingegen hat das Privileg der Unruhe. Sich eben nicht gelassen geben, sondern sagen, ja, heraus schreien, was nicht gefällt. Die selbsternannten Geschmacklosigkeiten vorführen und missbilligen. Da heißt es über Geschmack streiten, denn es gibt den guten und schlechten Geschmack. Und auch das ist ganz wunderbar.

In einem Gespräch mit einer befreundeten Lehrerin kam sie auf die Schüler zu sprechen, die fürchterlich angepasst waren. Jugendliche, die als Berufswunsch den der Eltern hatten. Sie spürte da keine Rebellion. Wir waren jedenfalls der Meinung, dass Jugend aufbegehrend sein sollte. Auch wenn es anstrengend ist und zu Streitereien führt. Aber dafür haben wir ja unsere Gelassenheit. Unsere Geschmacksneutralität, die mich das Buch weiterlesen lässt, das ich als Jugendlicher in die Ecke geworfen hätte. Ich muss mich zumindest nicht mehr mit Büchern streiten.

Euer Patrick


26.08.2020

Geschenke sind ein wichtiger Bestandteil unserer Beziehungen zu anderen Menschen, zugleich eine sehr große Herausforderung. Nicht selten mit Enttäuschung verbunden und daher ist es nicht verwunderlich, wenn es gern mal heißt: „Wir schenken uns nichts.“ Das scheint eine gute Lösung für das Problem mit dem Schenken zu sein. Kein Kopfzerbrechen mehr, was ihr oder ihm eine Freude machen könnte. Und überhaupt: Kann sie oder er es denn gebrauchen? Mir persönlich sind Geschenke gar nicht so wichtig. (Auch so ein Satz …) Aber dennoch freue ich mich über Geschenke. Bei nicht so gelungenen Gaben freue ich mich über die Geste – wirklich.

Mir gefiel schon immer die Herleitung vom Wort „Gift“, welches im Englischen ja noch die Bedeutung von Gabe bzw. Geschenk hat. Die Übergabe einer Aufmerksamkeit, einer, ganz allgemein gesagt, Sache, kann wohltuend, aber auch toxisch sein. Wie bei einer Arznei sollte ein Geschenk in Dosis und Art angepasst sein. Das gelingt nicht immer – klar. Bei manchen sogar äußerst selten und bei anderen wiederum klappt es immer. Sie finden stets das richtige Geschenk.

Das ergibt natürlich nur Sinn bei einer bestimmten Voraussetzung: Die Nichterfüllung von Wünschen. Erfülle ich einfach nur den Geschenkwunsch, dann bin ich eben nur der Überbringer. Als Eltern sind wir oft diese Überbringer. (Vorher überlassen wir es den fantastischen Wesen.) Zwischen Erwachsenen jedoch sollte es nicht um Wunscherfüllung gehen, sondern um die Geste und welcher Gedanke hinter dem Geschenk steht. Daher können Geschenke eine freudige Überraschung sein, obwohl man sich für wunschlos glücklich hält.

Warum schreibe ich jetzt und nicht in vier Monaten über Geschenke? Ich hatte gerade Geburtstag und ich wurde beschenkt. Eben nicht nur mit Dingen, sondern auch mit liebevoller Aufmerksamkeit. Und seien wir mal ehrlich: Das tut gut. Jede und jeder hat glücklicherweise Geburtstag und darf diese Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und freut sich darüber hinaus über eine kleine Aufmerksamkeit – sprich Geschenk. Auch auf die Gefahr, dass es mal giftig sein kann, sollten wir uns gegenseitig beschenken, denn für unsere Beziehungen kann es sehr heilsam sein.

Euer Patrick


21.8.2020

Wollen wir uns nicht einfach duzen? Ich biete gern das „Du“ an und meist wird es auch gern angenommen. Ob nun das Siezen höflicher und respektvoller ist, liegt in der Bewertung einer jeden und eines jeden selbst. Ich persönlich behalte meinen Respekt auch beim Duzen bei – beruflich und privat. Per Du auf Augenhöhe kann störende Hierarchien abschaffen. Dass der Respekt nicht verloren geht, haben meine Frau und ich in Norwegen kennengelernt. Dort wird, wie etwa auch in Schweden, stets geduzt. Da die Tasche meiner Frau nach einer Busfahrt in Oslo verschwunden war, machten wir uns auf den Weg zur Polizeihauptwache der Stadt. Das Gebäude, die Polizistinnen und Polizisten und das allgemeine Gewusel machte Eindruck. Nachdem wir uns am Eingang angemeldet hatten, mussten wir noch etwas warten. Dann wurde meine Frau aufgerufen. Mit ihrem Vornamen. Die Polizistin duzte meine Frau von Anfang an und das noch in einem guten Deutsch. Es war angenehm menschlich und der Respekt blieb.

2017 wurde auf „Deutschlandfunk Kultur“ von einer Studie berichtet, dass in Norddeutschland mehr geduzt wird als im Süden der Republik. Da hieß es „Je Norden desto Du“. Das liegt wohl an der Nähe zu unseren skandinavischen Nachbarn. Eine bundesweite Du-Reform, wie vor 50 Jahren in Schweden, wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Aber für Fehmarn habe ich noch Hoffnung – die Insel, auf der geduzt wird.

Euer Patrick


29.07.2020

Ich habe gelernt, dass man einen Satz nicht mit „Ich“ beginnen und dass man „man“ eher nicht gebrauchen sollte. Und doch mache ich dies recht häufig und gern; auch einen Satz mit „Und“ zu beginnen war in den Augen meiner Deutschlehrerin kein guter Stil. Zudem mag ich den Gebrauch des Semikolons; es kommt einfach zu selten vor.

Als ich noch als Wissenschaftler an der Uni Kiel Handschriften um 1800 ediert habe, lernte ich einiges an Varianten und, ich sage mal, den lockeren Umgang mit Schreibweisen kennen. Die SchreiberInnen konnte ich gut an der Handschrift unterscheiden, aber es wurde auch viel abgeschrieben. Anhand der Schreibung von Wörtern und des Gebrauchs von Satzzeichen, konnte ich gut den Urheber bestimmen. Es war nicht immer leicht zu bestimmen, ob Wörter falsch geschrieben wurden oder ob es einfach eine der Eigenarten der VerfasserInnen war. Die Vereinheitlichung der Schreibung begann ja erst zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Ich mag noch immer den Gebrauch von „mogte“ für „mochte“. Das liegt auch daran, dass meine Tochter als Kleinkind gern „mogte“ gebrauchte. Das war wohl einige Zeit auch Mode, denn so ist in dem „Wochenblatt über die Richtigkeit des deutschen Ausdrucks“ (Jahrgang 1802) zu lesen: „Es giebt viel sonderbare Menschen in der Welt, welche sich selbst über gewisse Erfindungen, auf die ein Kind eben so gut verfallen könnte, heimlich und öffentlich Beifall zuklatschen, und dann am Ende doch wohl – gänzlich Unrecht haben. So geht es denen, welche ‚mogte, ‚mögte‘ und ‚gemogt‘ schreiben, und sich hoch über diejenigen hinausdünken, die bei dem längst eingeführten und lange allgemein gebräuchlich gewesenen ‚mochte‘, ‚möchte‘ und ‚gemocht‘ bleiben.“

Sprache und deren Schreibung ist steter Veränderung unterworfen, ob nun bewusst gesteuert oder sich frei entwickelnd. Ich bin daher sprachlichen Veränderungen, ob nun in der Jugendsprache oder der starke Einfluss von Begriffen durch Internet und Digitalisierung, aufgeschlossen. Und ich freue mich sehr, wenn meiner Tochter noch vereinzelnd ein „mogte“ herausrutscht.

Euer Patrick