Mittenmang

Hier können meine Kolumnen, die seit Juli 2020 jeden zweiten Mittwoch im Fehmarnschen Tageblatt erscheinen, nachgelesen werden.


Moin!


01.12.2021

Dann lasst uns mal in das Neologismenwörterbuch vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache schauen. Das versammelt über 1500 neue Wörter, die durch die Coronapandemie in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen sind; und die Liste wächst weiter. Neben (jetzt schon) Klassikern wie „Lockdown“, „Maskenpflicht“ oder „Zoomparty“ gibt es auch Wörter wie „Abstandsnudel“ (Eine Poolnudel als Abstandsmesser.), Krisenfrise (Ja, genau das.) oder die Frischluftquote (Anteil der frischen Luft in einem Raum zur Wahrung der Hygienestandards). Mit dieser Auswahl lassen sich herrliche Sätze bilden wie: „Ein Maskenvermeidungsesser ist jemand, der ständig etwas isst, um keine Maske tragen zu müssen. Man findet solche Leute oft auf Deppenparaden, da sie für Öffnungsorgien demonstrieren.“

Es ist schon erstaunlich, wie natürlich einige Wörter mittlerweile im Gebrauch sind. Andere hingegen sind eher etwas zum Schmunzeln. Wiederum andere zeugen vom Elend oder vom gesellschaftlichen Abgrund. Da gab es auch die Tourismusphobie. Die Angst der ortsansässigen Bevölkerung vor (zu) vielen Urlaubern im eigenen Land – oder auch Insel. Wir erinnern uns. Neue Wörter bilden eben auch die Zeit ab, in der sie entstanden sind. Einige werden bleiben, andere mit der Zeit verschwinden. Und dann gibt es ja noch Wörter, die nicht neu sind, aber auf neue Art und Weise benutzt werden. Aktuell ist es der „Instrumentenkasten“. Der soll voller Möglichkeiten und Maßnahmen stecken. Es gibt auch Menschen, die finden seinen Inhalt eher mager. Wie auch immer sein Inhalt zu bewerten ist, zumindest haben wir ein gutes Wort. Andere Wörter hingegen werden ihrem Kern beraubt und sie werden inflationär abgenutzt. Zum Beispiel „Freiheit“. Was heutzutage alles unter Freiheit zu verstehen sein soll, ist schon an Arroganz nicht zu überbieten. Aber was soll‘s – zumindest konnte man sich freitesten.

Das kann einen ganz schon mütend (sic!) machen, besonders wenn man gerade wieder overzoomed ist. Außerdem werden wir müde und unzufrieden, da mittlerweile die Erkenntnis da ist, dass nun gar nichts mehr sicher ist. Morgen ist vielleicht schon wieder alles anders. Das kann in der dunklen Jahreszeit ganz schön bedrücken. Also besser noch ein paar neue Wörter für das Lächeln: „Zellstoffhamster“ (Person, die einen unnötig großen Vorrat an Toilettenpapier anlegt.), „Nasenpimmler“ (Person, die eine Nasen-Mund-Bedeckung nur über dem Mund trägt, sodass die Nase frei bleibt.), Bratwurstimpfung (Vakzination gegen SARS-CoV-2, bei welcher die zu vakzinierende Person zusätzlich eine kostenlose Fleischspezialität erhält.) oder auch der Schnutenpulli – das ist ein Munaschu.

Euer Patrick


17.11.2021

Allein. Das bedeutet „einsam“, „ohne Gesellschaft“. Für die meisten Menschen bedeutet dies zunächst nichts Positives. Das kann auch Angst machen. In der Tat ist ein ständiges Alleinsein oder ein Leben in Einsamkeit der Gesundheit nicht förderlich. Ich denke aber, dass das Gegenteil ebenso problematisch sein kann. Die ständige Geselligkeit kann auf Dauer auch so ihre Folgen haben. Wie so oft ist das Maß entscheidend. Wir Menschen brauchen andere Menschen – klar. Aber wir brauchen auch die Auseinandersetzung mit uns selbst, durch uns selbst. Das geht, wenn wir mal alleine sind. Ob es nun die kleinen einsamen Momente im Alltag sind oder die Tage und Wochen allein auf Reisen; wir sollten uns diese Einsamkeiten gönnen.

Das sollte man nun nicht verwechseln mit dem Herauskommen aus dem Alltag oder der Flucht vor der Familie. So nach dem Motto: Ich brauche mal Abstand. Ich brauche mal Zeit für mich. Nein, das ist nicht die richtige Denke und Herangehensweise. (Aber natürlich hin und wieder verständlich.) Es geht mir schon um den eher großen Gedanken. Daher hier ein Zitat von Hermann Hesse: „Nur im Alleinsein können wir uns selber finden. Alleinsein ist nicht Einsamkeit, sie ist das größte Abenteuer!“ Das klingt doch schon ganz anders. Ein Abenteuer ist aufregend und überraschend. Es verändert einen Menschen. Es macht uns reicher. Die Auseinandersetzung mit sich selbst kann gar nicht einsam sein – man hat ja sich selbst. Ich für meinen Teil führe ständig Selbstgespräche, nicht laut, aber in Gedanken. Da quatscht keiner zwischen. Glücklicherweise gehe ich mir selbst nicht auf die Nerven.

Nun funktioniert die Einsamkeit als Selbstbetrachtung in der Gegenschau zur Geselligkeit. Anders: Man genießt die Stille besonders, wenn es einem mal wieder zu laut wird. Noch anders: Ein Strandspaziergang ist am winterlichen, einsamen Strand etwas ganz anderes als im Sommer, wenn die Sonnencremeleiber und Strandspielzeuge einem ein Ali Mitgutsch Wimmelbild auf die Netzhaut jagen. Natürlich gibt es da viel zu entdecken. Nur hat es nichts mit einem selbst zu tun. Da kann man sich ganz schön einsam in dem Gewimmel fühlen.

Die großen Fragen des Lebens können wir uns nur selbst beantworten. Also rein in das Alleinsein und ab ins Selbstgespräch, denn – hier bemühe ich nochmals Hesse: „Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist.“

Euer Patrick


03.11.2021

„Wetten, dass..?“ kommt wieder. Diesen Samstag. Im ZDF. Moderiert von Thomas Gottschalk. Mit Baggerwette und was eben zu einer „Wetten, dass.. ?“-Show gehört. Es ist ein Leichtes, das für überflüssig, dämlich oder auch unangemessen zu halten. Hängt vielleicht auch davon ab, wie man in der Vergangenheit zu der Sendung stand. Ich freue mich auf die Show, obwohl ich da wahrscheinlich kaum etwas mögen werde. Von der Musik bis zu den gequälten Gesprächen mit den Promis auf dem Sofa. Aber ich mag das Grundgefühl des Abends. Dieses Stück deutsche Fernsehgeschichte. Ein Abend für die ganze Familie vor dem Flimmerkasten – die gute alte Zeit. Stimmt natürlich nur bedingt. In den Erinnerungen betrügen wir uns ja selbst. Aber es geht mir um das Gefühl „Deutschland schaut gemeinsam Fernsehen“. Und Österreich und die Schweiz schauen ja auch noch zu. Herrlich. Wie gesagt, es ist nur das Gefühl. Nicht alle schauen sich das in Wirklichkeit an.

Für mich hatte diese Show, und so wird es diesen Samstag auch sein, immer etwas von sogenannten „Car-Crash TV“. Also eine Sendung, die mit ihren verstörenden Bildern eine gewisse Faszination beim Zuschauer auslöst. Man will eigentlich nicht hinsehen, muss es aber irgendwie dann doch. Am Ende fragt man sich dann: „Warum habe ich mir das angesehen?“ Macht man sich diesen Umstand aber bewusst, dann bleibt das Gewissen rein und der Spaß tritt in den Vordergrund. Ich habe jetzt schon Spaß bei dem Gedanken daran, wie Thomas Gottschalk sprachlich herrlich fehltreten wird. Und ich hoffe, dass dies nicht zu ernst genommen wird. 2008 sagte Gottschalk im „Spiegel“: „Ich mache mitunter albernes, aber schmerzfreies Unterhaltungsfernsehen, zynismusfrei und generationsübergreifend. Ich nenne es Überheblichkeit, wenn mir und den Leuten so was madig gemacht wird.“ Manche Dinge dienen eben keinem höheren Zweck; sie haben keinen Tiefgang, keinen doppelten Boden. Sie dienen zur Unterhaltung. Ihre Trivialität mag nicht jeder Mensch. Aber man muss ja auch nicht einschalten.

Jedenfalls ist es Unterhaltung. Mehr nicht. Echt nicht. Es ist ein Abend auf der Couch, bei dem sich die Familie gegenseitig erklären muss, was da gerade zu sehen ist oder wer diese Schauspielerin ist. Oder was an der Wette jetzt schwer sein soll. Am Ende ist alles egal. Hauptsache Thomas überzieht wieder ordentlich. Es soll eine einmalige Jubiläumssendung sein. Wer weiß – vielleicht kommt ja noch was. Ach, ich freue mich. Aber eine Sache habe ich vergessen. Da war ja etwas. Gar nicht trivial. Keine leichte Unterhaltung. Car Crash-TV. Da war Samuel Koch.

Euer Patrick


20.10.2021

Man kann ja über alles streiten. Auch über die Frage, ob ein Punkt in einem Text kursiv dargestellt werden kann oder nicht bzw. ob man es denn überhaupt sollte. Das waren Fragen, über die ich mit meinen Kolleg*innen während meiner Tätigkeit an einem Forschungsprojekt zur Edition von Predigtnachschriften brütete. Es handelten sich um handschriftliche Texte, die „Fans“ des Predigers vor etwa 200 Jahren mitgeschrieben hatten. Wir haben daraus lesbare Bücher gemacht, bei denen bestimmte Sachverhalte durch die kursive Schreibweise dargestellt wurden. Etwa eine Hinzufügung zur besseren Lesbarkeit von uns, wenn z. B. ein Punkt fehlte. Die Leser*innen sollten unterscheiden können, was ist original und was wurde verändert oder hinzugefügt. Nun ja – über solche Dinge haben wir dann lebhaft diskutiert. Das mag skurril klingen, aber beim wissenschaftlichen Arbeiten muss es eben sehr genau und nachvollziehbar sein. Es war auch amüsant, aber mit ein paar Jahren Abstand bin ich nicht ganz sicher, ob diese stundenlangen Dienstbesprechungen wirklich sinnvolle Lebenszeit waren.

Diese Frage ist ohnehin nicht sinnvoll, denn welche Lebenszeit ist nun die sinnvolle? Die mit der Familie? Na klar. Wobei mit der ganzen Familie? Siehste, da geht es schon los. Oder die Zeit auf der Autobahn oder im Zug? Meist wohl nötig, aber auch sinnvoll? Manchmal sind die Dinge, die unsere Lebenszeit beanspruchen, schlicht unvermeidbar. Der tiefere Sinn bleibt vielleicht verborgen. Oder es ergibt eben keinen Sinn – so meint man vielleicht. Denn Sinn im Sinne (!) von Zweck oder Ziel steckt in jeder Tätigkeit und im Nichtstun. Auch wenn es von außen betrachtet nicht so erscheinen mag; wenn andere Leute darüber urteilen, dann hat es keine Bedeutung. Es geht ja um die eigene Lebenszeit.

Da sind wir schon beim Sinn des Lebens. Keine Sorge. Die Frage werde ich hier nicht beantworten. Denn ich halte die Frage nach dem Sinn des Lebens für eine falsche Frage und den Anspruch sie zu beantworten für überheblich. Ich denke, dass wir unser Leben selbst mit Sinn füllen sollten. Uns und unserem Dasein Sinn geben. Das erspart die Fragerei und das Gesuche. Außerdem kann niemand von außen mit einer windigen Idee uns einen Sinn aufquatschen.

Die Damen und Herren, die damals die Predigten auf die kleinen Zettel mitgeschrieben hatten, hielten das sicherlich für eine sinnvolle Tätigkeit. Es gab da bestimmt auch Leute, die das reichlich merkwürdig fanden. 200 Jahre später bearbeitet ein Atheist diese Schriften und macht sie für die Nachwelt zugänglich und lesbar. Ob das alles Sinn ergibt? Man kann ja über alles streiten.

Euer Patrick


05.10.2021

Ich schaue selten bis nie wehmütig in die Vergangenheit. Es hilft nicht und erzeugt diese stille Trauer. Zwar kann diese Form von Traurigkeit auch von Erheiterung und Freude begleitet werden, da die Erinnerungen vielseitig sind und die Vergangenheit eine Gemischtwarenhandlung sein kann, und doch mag ich es nicht, mich in meine Kindheit und Jugend zu verlieren. Aber – jetzt kommt das große „Aber“ – die Begeisterung, die ich als Kind für bestimmte Dinge hatte, gibt es noch immer, ganz ohne Wehmut. Besonders schön ist es, wenn ich die mit meinen Kindern teilen kann. Also jetzt mal ganz konkret: Ich war mit meinem Sohn in der Star-Wars-Ausstellung. Herrlich sich in diese Welt zu verlieren und sich einfach für die Szenerien zu begeistern. Ganz ohne Wehmut, denn an dem Tag wurde eine neue Erinnerung erschaffen. Gut, vielleicht schaue ich in zwanzig Jahren wehmütig auf diesen „Papatag“ (So nennen wir solche Ausflüge.) zurück, aber was soll mich das jetzt beschäftigen. Dieses gemeinsame Erleben und das zugehörige Fachsimpeln ist natürlich purer Eskapismus. Das soll es auch sein – jedenfalls für mich als Erwachsener. Für Kinder ist es oft Teil der Wirklichkeit; da ist keine Flucht nötig.

Weiterhin beobachte ich, dass solche Dinge wie Star Wars bei Erwachsenen analysiert, kritisiert und dann sogar persönlich genommen wird. Dadurch wird einem doch der ganze Spaß genommen. „Das ist nicht mehr mein Luke Skywalker!“, heißt es dann ganz empört. Als ob er es jemals war. Wir können die Gefühle, die wir als Kinder bei Filmen, Büchern, Musik oder beim Spielen hatten, nicht einfach wiederholen. Das Schlimmste am Erwachsensein ist die Abkoppelung von der eigenen Kindheit. Wir sind unserem kindlichen Selbst fremd geworden. Es würde mich nicht wundern, wenn so mancher bei einer Begegnung mit der eigenen jugendlichen Person, kleingeistig mit Verachtung in den Augen ins Selbst blickt. Das ist derselbe Blick auf die Menschen, die gerade mit eben dieser Begeisterung zu solchen Ausstellungen gehen, sich wie die Helden der Kindheit verkleiden oder ein Zimmer mit Comics, Postern und Spielsachen unterhalten. Dieser Blick eines Erwachsenen, der nicht erwachsen geworden ist, sondern sich eher entwachsen oder verwachsen hat. Da wurde aus Wehmut irgendwann Missmut und dann kommt leider der Hochmut. Schade.

Als wir wieder von der Ausstellung zu Hause waren, haben wir – na klar – Star Wars geschaut. Nicht nach der Reihenfolge der Entstehung, auch nicht nach der filmischen Chronologie (Ich weiß, dass dies hier für Menschen, die nicht im Thema sind, absolut nichtssagend ist, aber die haben wahrscheinlich ohnehin nicht bis hierher gelesen.), sondern einfach mal im hinteren Drittel begonnen. Was soll‘s? Spaß und Begeisterung müssen sich nicht an Regeln halten. Da darf man auch mal mutig sein. Ohne Weh, Miss oder Hoch. Möge die Macht mit euch sein.

Euer Patrick


22.09.2021

Es heißt ja so schön, dass Reisen bildet oder etwas anders sagte es Mark Twain: „Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.“ Es ist also auf jeden Fall lohnenswert andere Länder, Kulturen und natürlich Menschen kennenzulernen, als stets auf der eigenen Scholle zu leben. Ich kann jetzt zwar nicht sagen, dass ich gebildeter oder gar schlauer von unserer Reise nach Genf zurückkehrte, dafür aber beeindruckt. Nicht direkt von der Stadt, sondern von der Wissenschaft. Wir besuchten Freunde dort und der Simon ist Physiker und arbeitet am CERN. Daher hatten wir die Möglichkeit eine persönliche Führung zu bekommen und auch in ein paar Bereiche zu gelangen, die für den normalen Besucher nicht zugänglich waren. Ich selbst kenne mich nicht mit Kernforschung bzw. Teilchenphysik aus, aber ich finde es faszinierend. Der Simon konnte auch alles sehr gut erklären, sodass sich so einiges erschloss.

Ich kann und will nicht ins Detail gehen, aber in diesem Teilchenbeschleuniger werden eben Teilchen beschleunigt und prallen dann auch aufeinander und es entstehen neue Teilchen und es wird dann viel gemessen. Und das passiert da ständig. Es entsteht eine Unmenge von Daten. Sehr viele Daten. Übrigens ist dort auch das Internet aus diesem Grund als Nebenprodukt entstanden. Tim Berners-Lee wollte, dass die Informationen zwischen den französischen und schweizerischen Wissenschaftlern schneller und einfacher in einem Netzwerk fließen sollten. Die Geburtsstunde des WWW. Ein recht unspektakuläres Schild in einem kleinen Gang zeugt und berichtet davon. Aber zurück zu den Daten. Die sind überall. Wir sind in die Kantine, um etwas zu essen, und auch dort sind Monitore, die auch überall sind, und sie zeigen die Daten an. Das war das, was mich so beeindruckte. Während wir über das Gelände gingen oder in der Kantine einen Kaffee tranken wurden diese Teilchen ständig aufeinander geschossen und es wurde gemessen. Für die Mitarbeiter dort, für Simon, alles ganz unaufgeregt. Das ist auch verständlich, wenn es die tägliche Arbeit ist. Ich dachte dabei aber ständig an Goethes Faust bzw. an den Satz: „Dass ich erkenne, was die Welt // Im Innersten zusammenhält.“ In der Wissenschaft fand Faust leider keine Antwort und so nahm mit Magie und Teufel das Unglück seinen Lauf. Auch heute meinen Menschen in Magie und irgendwelchen alten unbelegten Lehren ihr Glück und ihre Welterklärung zu finden. Dabei gibt es Menschen wie Simon, die ehrlich so viel von der Welt erklären, wie es gerade möglich und verantwortbar ist. Geradezu mit Demut.

Diese Reise nach Genf ist schon einige Jahre her und noch immer bin ich beeindruckt, wenn ich daran zurückdenke. Ich hatte das Gefühl, dass dort wirklich was Wichtiges passiert. Ohne es beurteilen zu können, aber ich verschenke gern mein Vertrauen an diejenigen, die etwas von ihrem Gebiet verstehen – ohne Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.

Euer Patrick


08.09.2021

Schon Weihnachtsgeschenke besorgt? Ich auch nicht. Aber die Gespräche über Weihnachten häufen sich bei mir bereits. Gerade nach dem letzten Coronaweihnachten werden die Karten neu gemischt oder besser gesagt: Es darf weitergemischt werden. Zurück zur großen Familienfeier oder doch lieber im ganz kleinen Kreis. Oder eben, war letztes Jahr auch schwierig, verreisen und dem Wahnsinn entfliehen. Reden wir also über Weihnachten, damit wir es im Dezember nicht tun müssen.

Der besagt Wahnsinn ist ja, dass wir uns unnötige Erwartungen, Wünsche und Verpflichtungen aufhalsen und diese nur für ein paar Tage im Jahr. Aber sie beanspruchen viel Zeit, Kraft und Verhandlung. Versteht mich jetzt nicht falsch. Ich habe etwas für das Fest übrig. Da gibt es einiges Schönes, aber das steht doch in keinem Verhältnis zu dem Aufwand und dem allseits bekannten familiären Konfliktpotenzial. Und außerdem möchte ich mich nicht schon im September damit auseinandersetzten müssen. Ja klar, es ist schon meine Entscheidung das zu machen oder eben nicht. Hätte hier auch ein anderes Thema ansprechen können. Aber das Thema kam halt auf den Familientisch. Zumal mein Sohn am Abend gern und täglich die Geschenkwünsche besprechen möchte. Das geht auch ganz gut, denn er hat im Mai Geburtstag und somit ist diese Geschenkesache gut im Jahr verteilt. Als ich in dem Alter war, hatte ich einen Freund, der am 23. Dezember Geburtstag hatte und ich konnte damals schon verstehen, dass das für ihn nicht nur nicht toll, sondern auch richtig frustrierend sein konnte – alles auf einmal und irgendwie nicht richtig voneinander abgegrenzt.

Also reden wir allabendlich über Weihnachtswünsche und es geht dabei nicht – Obacht – um Weihnachten. Das wäre schon etwas zu einfach und ich schreibe doch nicht im September über Weihnachten … . Es geht vielmehr um Verlässlichkeit und Sicherheit; es geht um Tradition im besten Sinne. Auch um Wiederholung und Beständigkeit. Sich gedanklich damit einzukuscheln und sich mit Geschenkvorstellungen in Aufregung und Befriedigung zugleich zu versetzen. Denn das Ende ist nah. So ist das weihnachtliche Grundgefühl: Ende des Jahres. Also einen ruhigen Abschluss finden, der einem dann so dermaßen die Realität mit dem Januar vor Augen einen vor den Latz ballert, dass kollektiv an Silvester die Sau rausgelassen wird.

Denn dann kommt das allseits bekannte Erwachen. Die Zeit schreitet voran. Die Probleme sind alle noch da. (Lebkuchen schmeckt nicht mehr.) Die Aufgaben müssen erledigt werden und das nächste Weihnachten kommt bestimmt. Da man sich diesem Rad nicht gänzlich entziehen kann, hilft es, wenn man es denn möchte, umzudenken. Daher ist es schön und gut, jetzt schon über die Weihnachtsgeschenke zu sprechen. Und wie wäre es, diese jetzt schon zu besorgen und zu verschenken? Bei dem Gedanken zieht sich was in der Brust zusammen. Das geht dann doch irgendwie nicht. Den Kindern jetzt schon die Geschenke machen? Und was ist dann an Weihnachten? Was sind wir doch unfrei und bräuchten es nicht sein. Daher wiederhole ich die anfangs gestellte Frage: Schon Weihnachtsgeschenke besorgt? Meinem Freund aus der Kindheit hätte es wohl gefallen.

Euer Patrick


25.08.2021

In Fahrtrichtung oder entgegen der Fahrtrichtung sitzen – das ist nicht jedem egal. Das eine kann angenehmer sein oder das andere sogar schädlich, da einem übel wird. Aber ob Zug oder Bus, es ist keine große Sache. Man setzt sich einfach so, wie man es eben gern hat. Spannend wird es aber, wenn wir dieses Bild auf die Zeit (an sich) anwenden. Zum Beispiel wie man sprachlich die Zeit darstellt und beschreibt. Unser grammatikalisches System etwa entspricht dem Sitzen zur Fahrtrichtung. Wir sehen, was auf uns zukommt. Die Vergangenheit liegt hinter uns. Schwieriger für mich zu verstehen war das Verständnis der Zeit im Althebräischen, denn da meinte mein Lehrer, dass hier das Verhältnis der Zeiten zueinander anders aufgefasst wird. Denn man fährt zwar in die dieselbe Richtung sitzt aber entgegen der Fahrtrichtung; der Blick also auf die Vergangenheit gerichtet, während man sich in die Zukunft bewegt. Es ist, wie so oft, die Perspektive, die den Unterschied macht. Denn obwohl die Fahrtrichtung dieselbe ist, ist die Betrachtung des Weges eine ganz andere.

Da mag ich mir doch glatt das ganze Leben in dieses Bild packen. Wenn schon denn schon. Also wie gehe ich durchs Leben? Den Blick auf das Ziel gerichtet und das Vergangene im Rücken? So dachte ich es immer, aber absolut ist das nicht mehr. Ich erlaube es mir, mich mal umzudrehen und nach hinten zu schauen. Jetzt nicht gerade wehmütig, aber mit ein wenig Neugierde, ob das alles so ok war. Die vergangenen Tatsachen selbst ändern nichts mehr, deren Betrachtung kann jedoch für die Zukunft hilfreich sein. Ihr kennt den Spruch: Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Meint auch: Aus den Erfolgen der Vergangenheit lernen. Der Kern ist also das Lernen. Und doch machen immer wieder und wieder dieselben Fehler. Wir ganz persönlich, aber auch im Großen. Kein Wunder, wenn wir die Fehler (so die eigene Wahrnehmung) der Eltern wiederholen. Die gleichen Sprüche bei Tisch oder zum Thema Kinderzimmeraufräumen. Wir nerven unsere Kinder, wie auch wir genervt wurden. Nicht gerade sinnvoll. Und so einen Spruch wie: „Das hat uns ja auch nicht geschadet“, ist schon gewagt. So ein Schaden lässt sich gut verdrängen. Niemand gibt gern seinen Schaden zu. Also: Mein Kinderzimmer war stets eine Katastrophe. Aufräumen auf Kommando eine Qual und Aufräumen aus eigenem Antrieb ein großer Spaß. Leider hat das Kommando den Antrieb oft ausgebremst. Bei meinen Kinder wiederholt sich das Thema natürlich und es könnte mich aufregen.

Glücklicherweise hatte ich einen guten Hebräischlehrer und daher setze ich mich entgegen der Fahrtrichtung und betrachte das Geschehen wie es geschieht und geschehen ist. Es erlaubt mir, mein Kind und mich als Kind zusammen zu betrachten. Da stellt sich dann so ein Gefühl ein. Eine gewisse Entspannung und Beruhigung. Ach, da gibt es auch einen Spruch für: „Dat löpt sich allens torecht!“

Eurer Patrick


11.08.2021

Endlich wieder Flohmarkt! Es war mal wieder schön auf einem großen Flohmarkt mit den Kindern nach kleinen Schätzen zu suchen. Coronabedingt war das leider lange nicht möglich. Unsere Ausbeute war nicht schlecht: Batmanstofftier, Beatlespuzzle, Playmobil, Spidermanactionfigur.

Es kann jetzt natürlich sein, dass nicht jede*r Leser*in was mit diesen vier Wörtern anzufangen weiß. Ein Wort wie „Spidermanactionfigur“ ist schon speziell. Nicht allein die Mischung aus englischen und deutschen Wörtern, sondern möglicherweise auch die Unkenntnis darüber, was oder wer „Spiderman“ ist. Es gibt einfach viele Dinge und Themen in der Welt. Dass man nicht alles wissen kann, ist klar. Aber gibt es denn noch Dinge, die man wissen wollte? Sind das die Inhalte, die wir in der Schule lernen oder gerade die Sachen, die man eben nicht in der Schule lernt? Oder beides? Und gehört Spiderman nun dazu oder nicht? Ähnlich ist es auch mit Büchern, „die man gelesen haben sollte“. Da gibt es den einen Kanon oder den anderen Kanon. Davon getrieben habe ich mich auch schon durch den einen oder anderen Klassiker gequält. Den persönlichen Geschmack gibt es eben auch noch. Daher habe ich kein Problem damit ein Buch oder auch einen Film abzubrechen, wenn mich der Anfang nicht überzeugt. „Aber am Ende wird es noch richtig spannend.“ Mag sein. Vielleicht. Wenn mich der Weg zum spannenden Finale nicht überzeugt, dann lasse ich es lieber.

Und schon sind wir wieder beim Flohmarkt. Mal davon abgesehen, dass der Begriff „Flohmarkt“ äußerst sympathisch ist, ist ein solcher dazu noch spannend. Denn jeder Stand verspricht ein Schnäppchen oder einen Artikel, den man schon lange gesucht hat oder mit dem man gerade nicht gerechnet hat. Aufregung und Enttäuschung wechseln sich ab. Hinzu kommt, dass man keinen Artikel, den man findet oder eben nicht, wirklich überhaupt nicht braucht. Dadurch ist das Schlendern über den Flohmarkt eine sehr entspannte Angelegenheit. Kulturell unerheblich, aber zwischenmenschlich Gold wert. Denn das Feilschen gehört dazu und ist so eine Art Spiel. Aus zwei Euro wird ein Euro. Fertig. Bitte nicht zu ernst nehmen.

Von daher kann es ein wunderbarer Sonntag sein, wenn er das Abenteuer Flohmarkt beinhaltet und ich danach ein Buch lese, das ich selbst wirklich gut finde – egal wie andere es finden. Und ja, dann darf es auch Spiderman sein, denn Comics sind auch Literatur. Wenn mich dabei eine Spidermanactionfigur von der Seite anschaut, ist das schon recht stimmig. Irgendwann sind dann die eigenen Kartons voll und es geht wieder auf den Flohmarkt. Diesmal früher und wir stehen auf der anderen Seite. „Was soll der Spiderman kosten?“ „Einen Euro.“ „Fünfzig Cent?“ „OK.“

Euer Patrick


28.07.2021

Lesungen werden dann interessant, wenn nicht mehr vorgelesen wird. Es ist zwar schön, wenn man die Lieblingsautor*innen auf der Bühne sehen und dem Buchtext lauschen kann, aber das Buch kann man ja selbst lesen. Abwechslung und Freude bringen die Abweichungen, das Erzählen und Kommentieren abseits des festgesetzten Textes. Da wird es menschlicher und zugänglicher – unmittelbarer. Manchmal funktioniert das auch bei Konzerten. Die Ankündigung des nächsten Liedes kann interessant sein, aber eher selten. Beim Konzert geht es um den Musikgenuss und die Besonderheit, die Künstler*innen beim Gestalten und der kreativen Arbeit zu erleben. Das muss nun nicht noch groß erklärt werden. Anders bei z.B. Helge Schneider, denn bei ihm sind Musik und Gerede gleichsam unterhaltsam. Der hat nun ein Konzert abgebrochen, da ständig Kellner zwischen die Reihen gelaufen sind. Das hatte ihn dermaßen gestört, dass er nicht mehr weitermachen wollte. Seine Begründung war, dass er bei seinen Konzerten nicht einfach ein Programm abspult, sondern kreiert und in dem Moment künstlerisch ist. Das kann ich gut nachvollziehen. Da stellt sich auch die Frage, warum man ständig was zu Trinken und Essen haben muss, wenn gerade der Geist gefüttert wird?
Klar, mache ich mir auch gern eine Tasse Tee und schlage den Roman auf. Aber der Tee nervt dann ständig, da er ja auch noch getrunken werden muss. Bei einem schlechten Film kann ich gut eine Pizza essen. Bei einem guten Film denke ich nicht an Essen. Die Tasse Kaffee zur Zeitung ist eine Gewohnheit. Beides für sich zu genießen wäre schon angemessener. Im Falle von Herrn Schneiders Konzert hat es auch viel mit Höflichkeit zu tun. Höflichkeit und Respekt gegenüber dem Künstler – dem Menschen. Dem Kaffee oder der Zeitung gegenüber brauche ich eigentlich nicht höflich zu sein. Falsch. Stimmt nicht. Beides sind Produkte von Menschen und verdienen daher Respekt. Wie auch das Brot, die Konfitüre, der Tisch, das Licht der Lampe, die Lesebrille etc. Hinter all den Dingen stecken Arbeit, Kreativität, Freude, Mühe, Zeit und so vieles mehr von Menschen. Und nur weil wir es in der Regel bezahlt haben, verliert es nicht ihren Wert. Oder etwas anders ausgedrückt: Die belegten Brote oder die Apfelschnitze schmecken viel besser, wenn jemand anderes sie gemacht hat. Die bekommen einen Mehrwert. Es menschelt.
So auch bei der Lesung. Über den Buchtext hinaus soll es menscheln, denn bei einer Lesung lesen wir nicht selbst. Bücher selbst können uns schon zu Freund*innen geworden sein. Nun sollen es auch die Künstler*innen werden.
Wenn das Lesen, wie Marcel Proust sagte, eine Freundschaft ist, dann können auch andere Dinge Freundschaft sein. Wir müssen in den Dingen eben das Menschliche erkennen. Ob nun Apfelschnitze oder der Küchenstuhl. Hinter allem steckt immer ein/e Künstler*in.

Euer Patrick


14.07.2021

Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden schon so einige Sauen durch Dörfer getrieben. Unter anderem auch mehrere tausend Götter. Unterschiedliche Religionen und dazu eben unterschiedliche Göttervorstellungen. Viele sind in Vergessenheit geraten und andere sind noch oder wieder beliebt. Da gibt es Moden und auch Beständigkeit. Da gibt es Gemeinschaft, Diskussionen, Streit und sogar Kriege. Die ganze Palette menschlicher Abgründe und Liebesbeweise. Wenn man nun Lust hat an einen und mehrere Götter zu glauben, dann ist die Auswahl recht groß. Und wenn man nichts passendes findet, dann kann man ja sich was zurechtbasteln. Stichwort: Patchworkreligion. Aber viele bleiben dann doch bei dem, was sie als Kind kennengelernt haben. Da gab es keine echte selbständige Entscheidung. Kindern kann man ja viel erzählen. Schon recht unfair, denn was die Existenz einer Gottheit angeht, ist diese spekulativ. Religionen gibt es – ohne Frage. Aber ob es nun Götter gibt? Und welche dann? Alle 5000? (Das ist jetzt eine grobe Zahl der Götter, die im Laufe der Menschheitsgeschichte erdacht wurden.) Oder doch nur einer? Aber welcher von den dann?

Gut, das sind jetzt viele Fragen und die redlichste Antwort ist natürlich, dass eben keine Götter gab und gibt. Das darf ich so denken und schreiben. Das werden jetzt einige Leser*innen richtig blöd finden. Ja geradezu unmöglich. Genauso im umgekehrten Fall. Hätte ich jetzt geschrieben, dass es natürlich nur einen Gott gibt und zwar das Fliegende Spaghettimonster, dann wäre das auch nicht gut angekommen. Beim christlichen Gott hätte ich es eher bequem, da dieser hier im ländlichen Raum noch recht verbreitet ist. Also weniger Widerstand.

Das Thema kann schon emotional werden. Schwierig, es nicht persönlich zu nehmen oder gar einfach zu akzeptieren, dass es auch anders geht. Im Theologiestudium wird die Existenz des (christlichen) Gottes nicht wirklich in Frage gestellt. Da geht man mal die sogenannten Gottesbeweise durch und sieht auch ein, dass sie nicht funktionieren. Einer meiner Professoren meinte immer, dass wir uns in der Theologie nicht mit Gott selbst beschäftigen, sondern mit den Erfahrungen der Menschen mit eben diesen Gott. Ich merkte schnell, dass Theologie viel Rhetorik ist. Als ich mein Examen bestand, wurde direkt nach der Prüfung eine Andacht mit dem Bischof gehalten. Ein halbes Jahr später gefiel mir Gedanke, dass es keinen Gott gibt und habe beschlossen es sein zu lassen mit dem Glauben daran. Es tat nicht nur nicht weh, sondern war wie ein Befreiungsschlag – ein gutes Gefühl. Auch ohne Bischof.

Aber warum schreibe ich das hier überhaupt? Was hat meine Privatangelegenheit hier zu suchen? Nun ja, zum einen erlaubt es mir eine Kolumne per se mich zu äußern, wie es mir gefällt. Zum anderen schaue ich auf eine Entwicklung in der Gesellschaft, die eindeutig ist: Immer mehr Menschen treten aus den Kirchen aus bzw. die Mitgliederzahlen schwinden. Glaube im Sinne von Vertrauen auf eine Sache, die Halt gibt, ist vielfältig. Individuell in der pluralistischen Gesellschaft. Ich habe gelernt, dass es in Ordnung ist, was man selbst oder die anderen so glauben bzw. nicht glauben. Wichtig ist nur, dass man sein Gegenüber damit nicht behelligen sollte. Also halten wir uns einfach an das zweite norddeutsche Gebot: „Wat den een sien Uhl is den annern sien Nachtigal.“

Euer Patrick


30.06.2021

Hej!

Grüße aus Dänemark! Diese Zeilen habe ich in Dänemark geschrieben. Abgedruckt jedoch, jetzt da ich wieder auf Fehmarn bin. Nun ist es nicht mein Anliegen diese Kolumne als zu lang geratene Urlaubspostkarte zu missbrauchen, aber mein jährlicher Aufenthalt im Nachbarland ist für mich immer wieder eine Inspiration. Ob das nun am Land selbst oder an den Dänen liegt sei dahingestellt – es erginge mir bestimmt auch ähnlich an einem anderen Urlaubsort.

Aber natürlich ist Dänemark uns Fehmaranern sehr nahe. Keine Frage. Nicht nur geographisch. Ich selbst mag das Land, die Leute und einige besondere Produkte im Supermarkt. (Dass ich LEGO mag, haben aufmerksame Leser*innen wohl schon bemerkt.) Auch die Sprache mag ich sehr und das ist nun ein Thema. Vielleicht schon ein wunder Punkt: Ich kann kein Dänisch. Und es ärgert mich manchmal. Also es ärgert mich im Urlaub. Zuhause habe ich das schnell wieder verdrängt. Was mir missfällt ist die Tatsache, dass sehr viele Dänen ohne Probleme sehr gut deutsch sprechen. Fast alle richtig gut englisch und man selbst in der Kommunikation stets ganz klein wird und nichts anzubieten hat. Kein echtes Entgegenkommen meinerseits. Dass ich mir teilweise recht mühselig für das Studium Latein, Altgriechisch und Althebräisch einverleibt habe, es mir zwischenmenschlich jedoch wenig Nutzen brachte, nahm mir lange Zeit die Lust wieder eine Sprache zu lernen. Und für eine Woche Urlaub im Jahr scheint die Kosten-Nutzen Rechnung auch nicht besonders sinnvoll.

Doch ich habe noch Artikel im Hinterkopf von Menschen, die Sprachen lernen nur um bestimmte Autor*innen im Original lesen zu können. Das ist ja keine Kleinigkeit. Mindestens bemerkenswert. Vielleicht auch überambitioniert, aber zugleich auch nachvollziehbar. Ich muss zugeben, dass ich es mit dem Dänischen bereits halbherzig mit einer App probiert habe. Es machte Spaß, aber mit der Zeit sank Motivation und Engagement. Und hier im Dänemarkurlaub kommt beides wieder. Bis sie wieder im Alltag verschwinden.

Da hilft es, wie in vielen anderen Dingen auch, einen Gang runter zu schalten und eine Art Kompromiss zu finden. Eigentlich ist es nur ein Kompromiss für meinen persönlichen Sprachenkonflikt. Den Verkäufer*innen im dänischen Laden ist es wohl egal, aber vielleicht einfach ein paar Sätze und Formeln lernen und sprechen. Ein „Hej“, „Tak“ oder „Goddag“ wäre ein Anfang. Einfach benutzen und ein kleines Signal der Aufmerksamkeit und Liebe zu dem Nachbarn senden. Denn die haben uns nicht nur sprachlich was voraus, sondern haben auch noch „Hygge“. Wirklich beneidenswert. Daher soll auch der Urlaub immer ein wenig hyggelig sein. Das ist eben eine inspirierende Lebensweise. In diesem Sinn: Farvel!

Euer Patrick


16.06.2021

Ich denke nicht, dass das Leben Normalität verdient hat. Es wäre ihm nicht angemessen. Viele wünschen sich Normalität zurück, aber scheint dies doch mehr eine Floskel zu sein, denn die Definitionen dahinter sind doch recht dürftig. Wenn das Leben das Gewohnte und Normalisierte einfach weiterführt, dann hängt die Platte und das nervt. Also aufstehen und die Nadel neu aufsetzen. Und damit das nicht wieder passiert, sollte man am Besten die Platte mal reinigen oder zumindest entstauben.

Die grundsätzliche Analogie von Leben zu Musik und umgekehrt gefällt mir sehr gut. Musik begleitet unser Leben. Sie versetzt uns in Stimmungen. Sie ist eine Ausdrucksform, die eben lebendig ist. Nicht ausschließlich lebensbejahend – kann auch mal Angst, Traurigkeit und Zweifel auslösen oder verstärken. Allein im Bett oder auf einem Konzert als Gemeinschaftserlebnis. Musik ist manipulativ. Man denke nur an ihren Einsatz im Kino oder in der Werbung. Ein guter DJ ist ein guter Manipulator. Ein guter Film hat gute Musik. Sergio Leone ließ die Musik für seine Western von Ennio Morricone schreiben und diese auch schon vor Dreharbeiten. So konnte beim Dreh die Musik abgespielt werden, damit Crew und Schauspieler in die richtige Stimmung kamen. Das Ergebnis ist unzweifelhaft stimmig.

Ähnlich ist es bei Zeremonien. Trauungen, Bestattungen und jegliche Arten von Ritualen haben einen musikalischen Teil. Mal im Geiste der Gemeinschaft, mal als Ausdruck der Individualität und des persönlichen Geschmacks. In meiner Tätigkeit als Redner lasse ich die Paare bzw. die Hinterbliebenen die Musik für die Feier aussuchen. Die Ergebnisse, also die Auswahl der Musikstücke, sind unterschiedlich und persönlich. Daher passend und richtig. Eben nicht normal, sondern lebendig.

Wenn das Leben oder der Tod normal werden, dann sind wir weder lebendig noch tot. Wir sollten uns keine Normalität wünschen. „Normal ist langweilig“ ist einer von vielen Sprüchen, die mit dem Wort „normal“ spielen. Es ist noch einer der etwas besseren. Zumindest wird eine mögliche Interpretation von „normal“ angeboten. Jedoch ist diese ganz davon abhängig, wie „langweilig“ zu verstehen ist. Und so kommt man von einem geöffneten Fass zum nächsten.

Also zurück zum Leben und zur Musik. Lieder aus der Vergangenheit können Sehnsucht, aber auch Wohlbehagen auslösen. Gefühle eben. Und wenn es auch immer die selbe Platte ist, die wir hören, so geht es doch um die Gefühle. Diese füllen das Leben mit Leben und machen aus Normalität die Aufregung und Lust zu leben. Und da die Vergangenheit im Jetzt angelegt wird, ist jetzt, also ständig, die Chance das Leben zu fühlen. Und das ist nicht einfach nur normal, sondern besonders, denn: „Mit dem Leben ist es wie mit der Musik: Beides muss statt nach Regeln mit Phantasie, Gefühl und Instinkt komponiert werden.“ (Samuel Butler)

Euer Patrick


02.06.2021

Gern wird ja zwischen den großen Themen und den kleinen Themen unterschieden. Große Themen sind eher global, politisch oder einfach die zwei relevanten Themen der Literatur: „Große Literatur hat im Grunde nur zwei Themen: Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz.“ (Marcel Reich-Ranicki). Die kleinen Themen sind eher alltäglich und persönlich. Was frühstücke ich? Wie verbringe ich den Sonntag? Oder: Welches Buch ist zu empfehlen?

Mir fällt es oftmals schwer bei den kleinen Themen auch wirklich klein zu bleiben. Wenn ich mir zum Beispiel Gedanken über Klemmbausteine mache, dann könnte ich natürlich gedanklich beim Spielspaß verharren. Ich erinnere mich an meine legogeprägte Kindheit oder erfreue mich an den Bausets meiner Kinder. Aber dann muss ich auch wieder daran denken, dass die Klemmbausteine (auch Noppensteine genannt, also die Legosteine) aus Erdöl hergestellt sind. Hergestellt, wie so vieles, meistens in China und das führt mich dann wieder zu den fragwürdigen Arbeitsbedingungen und den viel zu langen Transportwegen und so weiter. Das lässt sich wahrscheinlich mit so ziemlich jedem Konsumgegenstand durchspielen.

Aber auch andere kleine Themen, anscheinend unverfänglich, wie etwa Sport. Da gibt es ja nicht nur eine schier unendliche Auswahl von Sportarten oder die Art und Weise, wie mit wem welche Art von Sport man überhaupt machen möchte: Alleine joggen. Teamsport. Mit einem Ball. Draußen. Drinnen. Ein YouTube-Video nachsporteln. Und natürlich gibt es da auch unzählige Apps und Bücher. Ich habe wirklich ein Buch das den Titel „Trainieren wie im Knast“ trägt. Es gibt da also allerlei Möglichkeiten. Bei näherer Beschäftigung kann aus dem kleinen Thema „Ich mache jetzt mal Sport“ das große Thema „Sport ist nicht gleich Sport. Da muss man schon genau hinschauen und überhaupt gibt es da viel zu viele Dinge zu bedenken. Da kannste viel falsch machen. Gesundheitlich etwa.“

Also am besten mal meditieren. Das kann ja gar nicht so schwer sein. Auch da gibt es unzählige Bücher und Apps, die dir genau sagen, wie und was du zu tun oder nicht zu tun hast. Da kann man schon mal unsicher werden, wobei das natürlich völliger Unsinn ist. Denn letztendlich ist Meditieren das Einfachste, was man machen kann und dazu braucht es eben nicht eine unzählige Menge von Informationen. Hinsetzen, Augen schließen und atmen. Das ist es schon.

Da aber die innere Einkehr ziemlich groß, weit und beeindruckend sein kann, zeigt sich hier, dass die kleinen Themen von den großen Themen nicht immer zu unterscheiden sind.

Jedenfalls arbeitet die Firma Lego an Noppensteinen aus pflanzlichen Rohstoffen. Bis dahin kann ich für mich sagen, dass Klemmbausteine die schönste Form von Erdöl sind und beim Bauen eine Tiefenentspannung einsetzt, die mit keiner Meditation zu erreichen ist.

Euer Patrick


05.05.2021

Selbstverständlich leben wir an der Ostsee. Und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die nur natürlich ist. Gerade, wenn man hier aufgewachsen ist, dann ist der Strand vor der Haustür Normalität – also nichts Besonderes. Aber das ist nicht richtig. Etwas ungenau. Meiner Erfahrung nach kann es eine besondere Normalität und eine normale Besonderheit sein, wenn ich mir nicht ständig, aber immer wieder, bewusst mache, dass ich es richtig gut und schön hier habe. Klar, viel zu selten fahre ich zum Strand. Gerade jetzt im Frühjahr oder später im Winter. Oder im Winter und im Sommer auch zu selten. Ich erwische mich schon bei dem Gedanken bzw. bei der – Obacht, großes Wort – Erkenntnis, dass ich ja jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr am Strand war. Dabei sind es die Strandspaziergänge in der kalten Zeit, die ich sehr gern habe und die sollten nicht zuletzt Weihnachten oder Neujahrstag – da ja traditionell – gewesen sein.

Nun reicht es mir aber auch, allein das Meer in der Nähe zu wissen. Das ist ein beruhigendes Gefühl und auch andere erzählen mir, dass die Gewissheit, man könne ja zum Strand fahren, auch wenn man es eben nicht macht, Glück bedeute. Meist belasse ich es bei dieser Oberflächenromantik, denn im Hinterkopf zucken die Themen Verschmutzung und Vergänglichkeit. Das eine haben wir in der Hand, hat Auswirkung auf unser Leben und wir sind dafür verantwortlich. Das andere ist unumgänglich. Aber ich meine nicht unsere eigene und kleine Sterblichkeit, sondern die Tatsache, dass unsere Sonne in weiter Zukunft sich verändern wird und, nachdem es hier auf der Erde für Leben viel zu heiß geworden ist, letztendlich erkaltet. Dann ist Schluss.

Aber bitte nicht missverstehen! Ich halte das nicht für einen pessimistischen Gedanken und es macht mich auch nicht traurig. Es sind doch nur Strandspaziergänge. Der Blick auf das Meer macht eben romantisch. Wie so ein typischer Caspar David Friedrich. Der Wellengang gibt mir die Hoffnung, ach was, die Gewissheit, dass wir Menschen da eine Lösung finden werden. Aus dem vierten den ersten Akt machen und dann geht es wieder los; mit einer anderen Sonne ganz woanders. Dort wird es bestimmt auch Strände geben, welche die Gemüter beruhigen. Mal abschalten und auf andere Gedanken kommen. Das Besondere in der Normalität entdecken. Sich ganz klein fühlen und dabei großartige Visionen haben. Auf dem Boden der Tatsachen nach den Sternen greifen. Das nenne ich einen Strandspaziergang.

Euer Patrick


21.04.2021

So eine Veränderung tut doch mal gut. Oder lieber: Veränderungen machen mir Angst. Das eine schließt das andere nicht aus. Meiner Erfahrung nach ist die Angst vor Veränderung ein guter Indikator eine Lebensumstellung erst recht anzugehen. Ist die Angst nicht zugegen ebenso. Mit anderen Worten ist Veränderung, nicht per se, aber grundsätzlich positiv zu bewerten. Das bewusste Loslassen vom Alten und die Hinwendung zum Neuen ist ein Prozess, der zu Glücksgefühlen führen kann.

Andererseits gibt die Tradition auch ein wohliges Gefühl der Bequemlichkeit. Das meine ich nicht nur despektierlich – aber ein wenig. Besonders die geistige Bequemlichkeit nervt ungemein. Oder platt: Das haben wir schon immer so gemacht. Oder: Hat bisher doch auch gut so funktioniert. Da schaue ich lieber gar nicht auf meine Mitmenschen. Nee, nee, immer schön bei sich bleiben. Denn die eigenen gedanklichen Grenzen sind für unser Unglück verantwortlich und nicht das, was die anderen tun und sagen. Der Fingerzeig auf die anderen ist Frust über sich selbst und weist auf fehlende Gelassenheit hin. Und da muss ich sagen mangelt es manchmal bei mir. Gelassenheit. (Wir erinnern uns an den Gleichmut vom letzten Monat.) Jedenfalls empfinde ich es als schwierig bei zum Beispiel Ungerechtigkeiten oder Beleidigungen gelassen zu bleiben. Ich meine nicht Untätigkeit, sondern emotional gefasst sein und zugleich aktiv werden. Und das ist der Knackpunkt; denn in dem Fall bin ich ja schon bei meinen Mitmenschen. Die sind doch für das Unglück dieser Welt verantwortlich. Die sind doch so ungerecht, engstirnig und überhaupt von gestern und dazu noch realitätsfern. Ja, ja, nee, nee.

Das eigene Glück ist nicht unabhängig von unseren Mitmenschen. Unter Mitmenschen sollte man übrigens nicht die christlich recht eng gefasste Definition der „Nächsten“ verstehen. Da sind schon alle gemeint. Wirklich alle – global. Um das zu verstehen reicht schon ein Blick auf das Etikett im T-Shirt oder in die Gemüseabteilung im Supermarkt. Also doch nicht immer schön bei sich bleiben? Tja, wenn es denn so einfach wäre. Es ist ein ständiges Vergegenseitigen und dadurch sind wir gezwungen uns zu verändern und die Veränderung der anderen wahrzunehmen und erneut darauf zu reagieren. Dabei noch gelassen bleiben, aber dennoch produktiv aufgeregt sein. Das kann Angst machen und auch guttun. Als Kalenderspruch formuliert: Im Zweifel wähle stets die Veränderung. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Hakuna Matata.

Euer Patrick


07.04.2021

Mittlerweile sollte jeder und jedem bewusst sein, dass wir in Blasen leben. Die Auswahl der Menschen, mit denen wir uns umgeben, die Quellen, aus denen wir unsere Informationen über das Weltgeschehen beziehen oder die grundsätzliche Entscheidung, was wir zulassen bzw. an uns heranlassen – dies sind die Bausteine für unsere persönlichen Welten, in denen wir uns bewegen. Aus diesen Blasen heraus mag man gern verallgemeinern, was natürlich Quatsch ist. Wenn ich sage, dass es doch ganz klar und redlich ist, sich nicht in Angelegenheiten einzumischen, die einen nichts angehen, dann klingt das aus meiner Perspektive richtig und gut. So allgemein gesagt, mag es bestimmt auch viel Zuspruch geben und doch sind die Erfahrungen da nicht so eindeutig. Wichtig ist hierbei die genannte Voraussetzung, ob es denn einen etwas angeht. Wo ist da die Grenze?

Das Private kann da schnell öffentlich werden. Etwas bildlicher: Der Nachbar macht ein Lagerfeuer – privat. Das nasse Holz räuchert das halbe Dorf durch – öffentlich. Bei öffentlich relevanten Dingen kann es heißen: „Das geht mich nichts an“. Ein Satz, der ein wenig geistige Bequemlichkeit voraussetzt und dazu noch Heldenmut vermissen lässt.

Konflikte sind da unerlässlich. Streit ist wichtig. Es sind Grundpfeiler der Demokratie und ganz schön anstrengend. So sehr, dass es müde macht und dann auch noch wütend. Gerade jetzt fühlen viele Menschen beides und die sozialen Netzwerke haben die Wortschöpfung „mütend“ ins Spiel gebracht. Ich mag ja Wortschöpfungen und kann gut nachvollziehen, dass man mütend ist. Es ist ein Gefühl, bei dem aber auch Resignation mitschwingt und das ist leider weder eine Lösung noch besonders hilfreich, wenn es darum geht etwas zu ändern. Darum geht es ja: Habe ich ein schlechtes Gefühl, sollte ich daran arbeiten, es zu überwinden, um mich wieder gut zu fühlen. Und dazu braucht es manchmal ein klares Wort. Sich mal einmischen und sagen: „Das geht mich was an und ich möchte eine Veränderung.“

Es lässt sich wohl kaum verhindern, dass wir uns weiterhin in verschiedenen Blasen bewegen, aber ab und zu mal in eine andere hineinschnuppern, mal interessiert hinüberschauen, kann der Verallgemeinerung entgegenwirken und Verständnis erwirken. Also nicht gleich auf den Nachbarn schimpfen, sondern mit einer Schubkarre Brennholz (trocken) rüber und mal schnacken: „Es geht mich zwar nichts an … doch eigentlich schon, dein Holz ist zu nass und der Rauch ist überall. Vielleicht können wir zusammen eine Lösung finden.“

Euer Patrick


24.03.2021

Na, wie ist es bei euch mit der Vorfreude? Gar nicht so leicht im Augenblick, was? Es gibt momentan so viel Vorfreude, die schlichtweg nicht da ist bzw. nicht funktioniert. Gut, der Frühling, der Sommer, die werden schon kommen. Darüber können wir uns schon freuen. Aber die Dinge, die wir dann machen möchten oder geplant haben, sind ungewiss. Der Urlaub, die Feier oder überhaupt eine Form der Leichtigkeit – alles vage und unstet. Planbar vielleicht, aber Vorfreude mag sich nicht einstellen.

Bei „Vorfreude“ wird schnell das dazugehörige Sprichwort mitgedacht und leider auch gesagt. Also hier ist es: Vorfreude ist die schönste Freude. Eine Steigerung ist demnach nicht möglich und die Erfüllung, also die eigentliche Freude, ist demnach eine Enttäuschung. Die Erfahrung zeigt glücklicherweise, dass man das mit den Sprichwörtern nicht zu ernst nehmen sollte. Doch in diesem Fall gab es sogar wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass in der Tat die Vorfreude, der Verzögerungsgenuss, dem eigentlichen Ereignis der Vorzug gegeben wird. Teilnehmer der Studie wollten lieber mehr Verzögerung, da die Vorfreude so schön ist. Die Erwartung auf das freudige Ereignis ist berauschend und gleichzeitig neigt der Mensch doch zur Ungeduld. Positive Aufregung und negative Ungeduld. Das gehört zusammen und ist abhängig vom Ziel: Bezieht sich die Freude auf ein Produkt oder ein Erlebnis. Hier zeigte eine Umfrage, dass eine Vorfreude auf ein Erlebnis bezogen ist, während die Aussicht auf ein Produkt eher mit Ungeduld einhergeht.

Bei aller Freude ist die Enttäuschung also nicht fern. Zerstörte Hoffnung ist schmerzhaft und frustrierend. Dazu noch gefährlich, denn die Enttäuschung kann dazu führen, dass man sich weniger Hoffnung macht. Das wäre kein Ja zum Leben. Also besser wie der Fuchs denken, als er dem kleinen Prinzen erklärte, dass, wenn er (Prinz) um 16 Uhr kommen wird, der Fuchs sich eine Stunde vorher schon darüber freuen kann: „Wenn du zum Beispiel um vier Uhr am Nachmittag kommst, dann kann ich schon um drei Uhr beginnen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit voranschreitet, umso glücklicher werde ich.“ (aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry)

Vielleicht nicht zu groß denken und den kleinen Vorfreuden den Vorzug geben. Alltägliche positive Ereignisse kreieren und diesen mit Verzögerung begegnen, um dadurch Vorfreude, sprich Freude, zu spüren. Oder um es mal ganz einfach zu sagen: Wenn ich mir eine TK-Pizza in den Ofen schiebe, dann sind die 15 Minuten, bis sie fertig ist, die reinste Freude und zudem ist das Produkt zugleich ein Erlebnis und damit ein Stück Glück.

Euer Patrick


10.03.2021

Ein altes Wort für Geduld ist Langmut. Es ist ein sehr schönes Wort und ich mag, dass darin das Wort Mut steckt. Also auf langer Strecke Mut zu haben, Dinge zu ertragen oder eben Wünsche oder Sehnsüchte zurückzustellen. Auf etwas geduldig zu warten kann sehr hilfreich und die bessere Entscheidung sein als der spontane Zugriff. Das ist dann die freiwillige, selbst auferlegte Geduld. Anders verhält es sich manchmal, wenn man geduldig sein muss. Als Patient (Hier steckt die Geduld sogar in der lateinischen Herleitung des Wortes.) etwa ist Geduld oft eine Notwendigkeit. Ob nun der Warteraum beim Hausarzt oder bei einem Aufenthalt im Krankenhaus. Da muss gewartet und ertragen werden. Mein längster Krankenhausaufenthalt waren etwa fünf Wochen. Da hatte ich jetzt nicht besonders Langmut bewiesen, war ich doch einfach froh am Leben zu sein. Aber ich hatte auch schon einen kurzen Aufenthalt im Krankenhaus, eine Woche, und da ging es mir gut. Ach, war ich ungeduldig, gerade zu unausstehlich, denn es ging ja nur um eine Untersuchung, die ständig verschoben wurde. Auch jetzt bin ich manchmal ungeduldig, was die Coronaimpfung angeht. Ich kann es kaum erwarten, diesen Schutz gegen die Erkrankung zu bekommen.

Es lohnt sich aber geduldig zu sein. Kindheitserinnerung gefällig? Zu meinem 10. Geburtstag bekam ich ein neues Fahrrad bzw. sollte eines bekommen, denn ich durfte mir im Vorfeld das richtige aussuchen. Ein Mountainbike sollte es sein. Die Umstände waren so, dass ich entweder das eine aus dem Katalog nehmen könnte – inklusive Wartezeit – oder das andere, das es gerade beim Supermarkt im Angebot gab. Mit Geduld hätte ich das wesentlich bessere Fahrrad bekommen, aber ich nahm den Spatz in der Hand. Das Rad war schon in Ordnung; der Knackpunkt ist aber, dass ich diese Erinnerung wie ein Mahnmal mit mir herumtrage. Hätte hätte Fahrradkette.

Sich zur Geduld zu zwingen ist auf jeden Fall eine Überlegung wert. Wobei das wenig motivierend klingt. Besser: Sich der (s.u.) Langmut hingeben. Dann kann es auch zu einem Gleichmut kommen, also Gelassenheit.

Wenn es also nicht anders geht und die Geduld von außen gefordert wird – also kein freiwilliges Zurückstellen der eigenen Wünsche – dann nicht einfach nur geduldig sein, sondern langmütig werden. Dann kommt der Gleichmut, welcher selten „die“ Gleichmut heißt, während es immer „die“ Langmut heißt, und wir können uns entspannen. Übrigens rührt die Unterscheidung, dass Wörter, die auf -mut enden, entweder maskulin oder feminin gebraucht werden, aus ihrer nach innen gekehrten und nach außen gekehrten Gemütslage her. Demnach ist die Langmut introvertiert und der Gleichmut extrovertiert zu verstehen. Hatte ich erwähnt, dass das Fahrrad, welches ich dann bekam ein Damenrad war? Mit der Sprache braucht es schon viel Geduld.

Euer Patrick


24.02.2021

Und da sind wir auch schon beim Thema. „Moin“ ist ein herrlicher Gruß. Geht immer und deckt den privaten, wie auch den formellen Bereich ab. Es ist wie eine geheime Absprache. Mit „Moin“ gehen Norddeutsche einen Schritt auf das Gegenüber zu – ohne es gleich zu übertreiben. Gern erheben wir Anspruch auf diesen Gruß, aber er ist mittlerweile in geradezu ganz Deutschland mal mehr, mal weniger in Gebrauch. Meist eher auch nur als Morgengruß. Und dann ist noch zu beachten, dass es Formen des Grußes zum Beispiel in Dänemark, Niederlanden und sogar in der Schweiz gibt. Bei der Herkunft wird es sogar recht kniffelig, denn diese ist nicht eindeutig und es gibt eine Reihe von Herleitungen. Aber wir wollen uns damit gar nicht aufhalten, denn mir geht es um den alltäglichen und unkomplizierten Gebrauch des Wortes. In unserer Region reicht zum Glück ja auch nur ein „Moin“, denn wie heißt es so schön: „Moin Moin“ ist schon Gesabbel.

„Moinsen“ dagegen soll umgangssprachlich eher von Jugendlichen verwendet werden, hat aber den Vorteil, dass damit gleich mehrere gemeint werden können. Also als Kurzform von „Moin zusammen“. Nun muss ich gestehen, dass ich schon irritiert bin, wenn ich „Moin“ in südlichen Teilen des Landes höre. Eigentlich könnte man froh sein, dass es überall beliebter wird und nicht regional beschränkt. Auch bin ich stets dafür, Sprache sich frei entwickeln zu lassen. Und doch finde ich es nett, wenn ich woanders regionaltypisch begrüßt werde und daheim mit „Moin“.

Anderes Beispiel: Wir haben in den vergangenen Jahren hin und wieder Urlaub auf den Kanaren verbracht. Dort tranken wir gern einen Café Cortado leche y leche. Eine typische Kaffeevariante dort. Aber Zuhause habe ich mir diesen Kaffee nicht zubereitet, denn ich möchte, dass er dort bleibt. Auf mich wartet und ich ihn irgendwann zusammen mit der Luft, den Geräuschen und Menschen vor Ort genießen kann. Nur dort ist er für mich so besonders.

Ähnliches Gefühl habe ich eben auch mit „Moin“. Ich gebe zu das ist schon beinahe provinziell, aber mein „Moin“ gehört an die Seeluft. Wird nicht zu freundlich gesagt, ist ein akustisches Zunicken. Es ist salzig und kennt keine Klassen. Es gibt Gegenden, da sagt man „Moin“ auch als Abschiedsgruß. Von daher: Moin!

Euer Patrick


10.02.2021

Wir lassen uns gerne und oft täuschen. Bewusst und unbewusst werden Sinneseindrücke falsch wahrgenommen. Bei optischen Täuschungen etwa sehen wir Dinge, die nicht da sind bzw. in Wirklichkeit anders sind. Unser Gehirn ist dafür verantwortlich, dass sich die Zeichnung auf dem Papier dreht, obwohl sie stillsteht. Das ist immer wieder verblüffend, aber wir können beide Wahrheiten nebenher aushalten. Wir akzeptieren, dass unser Gehirn da etwas macht und uns eine Fehlinformation über die Wirklichkeit gibt. Unser Gehirn versucht auch ständig Muster zu erkennen. Ein Klassiker ist da das Wolkenschauen. Hunde, Dinosaurier oder Fahrzeuge können wir in den Wolkenformationen erkennen. Auf unscharfen Bildern erkennen wir Geister oder Gesichter, die da eigentlich nicht sein dürften. Selbst auf irgendwelchen Strukturen, wie einer Holzoberfläche oder der Raufasertapete, erkennen wir Gesichter. Das ist normal und von der Natur gewollt, denn Gesichter sind das wichtigste Muster, was es zu erkennen gibt. Wir sind eben soziale Wesen und brauchen andere Menschen. In Extremsituationen war und ist es bis heute wichtig, andere Menschen zu erkennen und sich ihnen anzuschließen. Da braucht es nicht viel, um ein Gesicht zu sehen, denn unser Gehirn vervollständigt das Muster. Das nennt sich dann Pareidolie.

Wir sind in so einigen Dingen unserem Gehirn ausgeliefert. Verfallen in alte Denkmuster und alltägliche Automatismen, da dies für das Hirn einfach ökonomischer ist. Neue Verhaltensweisen oder gar ein neues Denken ist sehr energieaufwendig und anstrengend. Wenn man gezwungen ist seine Meinung zu ändern, da die Beweise oder die Argumentation erdrückend sind, kann das schon ein quälender Prozess sein. Es ist bequemer zu sagen: „Das war schon immer so.“ „Da kannste mir viel erzählen. Ich bleibe dabei.“ „Das gibt es nicht.“ Wir sind schon alle sehr von uns überzeugt und möchten ungern überzeugt werden.

Wenn aber im Kinderzimmer der Schatten an der Wand wie ein Monster aussieht, dann können wir unserem Kind zwar sagen, dass es keine Monster gibt und dazu noch die Erklärung und das Aufzeigen, was da an der Wand wirklich passierte. Nun ist das Monster aber im Kopf des Kindes – es ist Wirklichkeit. Da können wir noch so sehr davon überzeugt sein, dass es keine Monster gibt; wir fangen an, das Zimmer nach dem Monster abzusuchen. Ein Kuscheltier wird als Beschützer ernannt. Licht angelassen. Der Staubsauger wird zum Monstersauger und an die Tür kommt ein Verbotsschild für Monster. Das ist energieaufwendig und anstrengend. Wir lassen uns gerne und oft täuschen und lassen uns überzeugen, wenn es um die Liebsten geht. Wir bekämpfen Monster, die es nicht gibt.

Euer Patrick


27.01.2021

Die Müdigkeit im Gespräch. Ein Monolog über ein Thema, das einen überhaupt nicht interessiert, kann eine Müdigkeit auslösen, die es in sich hat. Ab einem bestimmten Punkt ist diese Müdigkeit so stark, dass die Kraft zur aktiven Unterbrechung des „Gespräches“ fehlt. Das mag beim Partner vielleicht ein altes Spiel sein und endet bestenfalls in einer humorvollen Auflösung, aber bei geselligen Abenden kommen dann eher Emotionen wie Gereiztheit, Unruhe und der Vorwurf der Unhöflichkeit dazu. Das geht in beide Richtungen. Unhöflich ist derjenige, der nicht richtig zuhört und zugleich derjenige, der ohne Rücksicht monologisiert.

Nun sind gesellige Abende in größerer Runde gerade unerlaubt und auch nicht vernünftig. Manch einer greift öfter zum Telefon, nutzt den PC oder das Handy mit Kamera für Videotelefonie. Und hier zeigten sich bereits bei Menschen, die das sehr häufig machen oder auch beruflich machen müssen, eine außerordentliche Erschöpfung. Nennt sich Zoom-Müdigkeit oder auch Zoom-Fatigue. Das kommt durch das Zusammenspiel von unterschiedlichen Faktoren. In einem Radiointerview hat die Wissenschaftlerin, die das erklärte, unter anderen darauf hingewiesen, dass in den Videokonferenzen zu wenig Pausen gemacht werden. Daher können die Teilnehmenden auch selten eine biologische Pause machen. Ich möchte ehrlich sein: Ich kannte den Begriff bis dato nicht. Aber ich finde ihn immer besser, je öfter ich ihn mir sage. „Biologische Pause“. Herrlich. Ja, es ist auch genau das, was Ihr denkt, was es ist. Ich überlege nun meinen Kindern diese Begrifflichkeit beizubringen. Ist schon ein wenig eleganter als: „Ich gehe jetzt Kacken.“

Es ist eine so nette Umschreibung, dass man auf einem Kongress hunderten von Menschen sagen kann: „So, wir machen jetzt alle mal 20 Minuten eine biologische Pause und treffen uns dann wieder.“ Es gibt noch einen Vorteil bei dem Begriff. Er ist interpretierbar. Denn gehört zu einer biologischen Pause auch das Zuführen von Lebensmitteln? Oder ein kleiner erholsamer Spaziergang? Wieso nicht? Wer es nicht ganz so wissenschaftlich haben möchte, sagt einfach „Biopause“. Die biologische Pause ist ein Grundrecht, das niemandem verwehrt werden darf. In offiziellen Texten steht dann was von „Notdurft“. Genau, sprachlich nicht gerade sexy.

Also bei der Müdigkeit, ausgelöst vom uninteressanten Monolog von wem auch immer, einfach kurz einwerfen, dass man jetzt eine Biopause braucht und dann guten Gewissens den Raum verlassen. Wie lange eine solche Pause dauert, ist auch Teil des Interpretationsspielraumes.

Euer Patrick


13.01.2021

„Die Kneipen schließen, die Kinos auch | Und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus | Die Nachrichten rennen dem Algorithmus hinterher | Wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr.“ Dies sind Worte aus dem Lied „Gegenwart“ der Band AnnenMayKantereit. Es ist leicht zu erkennen, dass es in den letzten Monaten entstanden ist. Ein ganzes Album haben sie in der Zeit, in der sie nicht Konzerte spielen durften, aufgenommen. Das genannte Lied hat mich beim ersten Hören gepackt; es ist auch überaus eingängig, was ich mag. Nun sind wir alle von der aktuellen Situation unterschiedlich getroffen und auch betroffen. Da gibt es Ängste, Frust und verhaltenen Optimismus. Es würde gut tun, den guten alten Eskapismus hervorzuholen und sich in eine andere Welt oder Zeit zu versetzen. Kann durchaus funktionieren, wenn die Welt und die Zeit ganz weit weg ist. Denn bei Orks oder auf fernen Planeten stört mich der nicht eingehaltene Mindestabstand nicht, aber ein Film im Hier und Jetzt, bei dem alle sich so verhalten, als sei nichts gewesen, berührt mich nicht mehr. Konkreter: Ob der Held nun die Welt rettet oder nicht – egal, ist ohnehin nicht mehr meine Welt.

Das sieht natürlich jeder Mensch anders, denn die eigene Welt kann durchaus sehr eng oder auch äußerst weit gefasst werden. Kneipen, Kinos und Schauspielhäuser kann ich zu meiner Welt zählen. Und dann kommt diese Zeile mit Moria. Nach Moria kam das Lager Kara Tepe. Es wurde für die Menschen schlimmer. Dort werden die Kinder nachts von Ratten angefressen.

Ich kann mich noch sehr gut an den Moment meiner Kindheit erinnern, als ich mit meinen Eltern die Tagesschau im Fernseher sah und mir zum ersten Mal bewusst wurde, was alles Schreckliches in der Welt geschieht. Mich überkam Angst und ein Gefühl der Machtlosigkeit. Mit der Zeit lernte ich mich von den schlimmen Dingen jener Welt zu distanzieren und die schönen Dinge dieser (meiner) Welt zu sehen. Drang dann ein Unglück in meine Welt war das natürlich vorherrschend und überhaupt das Allerschlimmste. Auch diese Dummheit habe ich mittlerweile überwunden. Daher geht mir das Bild mit den Ratten nicht mehr aus den Kopf. Ich hoffe, euch auch nicht. #LeaveNoOneBehind

Euer Patrick


30.12.2020

Lust auf einen Jahresrückblick? Ich bin mir selbst nicht so sicher, was ich davon halten soll. Grundsätzlich sollte ein solcher Rückblick die positiven und auch die negativen Dinge beinhalten. Man sollte dies nun auch nicht zu genau nehmen; wenn am Ende die schönen Dinge überwiegen, dann überwiegt die Freude. Ist nüchtern betrachtet das Jahr wirklich mies verlaufen, dann hilft der Selbstbetrug. Einfach den wenigen positiven Erlebnissen mehr Gewicht verleihen und schon fühlt es sich besser an. Ich habe hier den persönlichen Jahresrückblick im Blick und diesen übertrage ich in die Erwartungshaltung auf das kommende Jahr. Nicht diese törichten Vorsätze, die den Selbstbetrug schon vorwegnehmen, sondern eine Vision entwickeln. Einen Anblick dessen, was einem persönlich geschehen soll.

Nun kommen die Dinge für gewöhnlich und daher nicht selten anders. Also flexibel im Denken bleiben und nicht verzagen! Das klingt jetzt nach billiger Durchhalteparole, Kalenderspruch und Wandtattoo. Mir egal. Auffällig an Vorsätzen und Visionen für die Zukunft ist der Egoismus. Wir wünschen für uns alles Mögliche – nur das Beste. Auch wenn wir uns für unsere Familien das Beste wünschen, dann fällt es ja auch auf uns zurück. Mit der Nächstenliebe können wir uns anfreunden, wenn es denn gerecht zugeht. Es muss ja nicht gleich die Feindesliebe sein, aber denen, die uns fern sind die Freundschaft anzubieten, ist äußert zukunftsorientiertes Denken. Denn darum geht es bei der alljährlichen Rückschau: die Zukunft. Zwischen den Jahren (oder das norddeutsche „Zwischen den Tagen“) ist ein hübscher Ausdruck, der uns Zeit für eine Neuorientierung gibt – Denken und Handeln überdenken.

Bei alldem werden wir oft von den Gewohnheiten übermannt und die Routine, einem Automatismus gleich, führt unseren Blick weg von uns selbst zu den anderen, denen es ähnlich geht („Puh!“), besser geht („Mist!“) oder gar schlechter („…“). Dies sind die Grundpfeiler für Tratsch. Ich verstehe zwar, dass Tratsch gesellschaftlich wichtig sein kann, mache mir selbst daraus kaum was. Klar, damit bin ich schlechter informiert über die Dinge, die mich nichts angehen, habe dafür aber auch weniger Angst. Es ist der Vergleich und das Wissen über die Vorzüge, die der Nächste, Ferne oder gar Feind genießt, was Angst machen kann. Und zwar diese ganz spezielle Angst der Deutschen: Das Zukurzkommen. Daher finde ich einen Jahresrückblick gar nicht mal schlecht, wenn er ein Blick nach innen ist, der nach außen gelangt und mit Selbstzufriedenheit und daher mit Gelassenheit den Mitmenschen gegenüber begegnet. Dann also „Prost“, was so viel heißt wie „es nütze“.

Euer Patrick


16.12.2020

Lust auf eine Partie? Die Pandemie und Netflix haben einen Schachboom ausgelöst. Schachbretter sind beinahe ausverkauft. Online-Schach wird überrannt und Videokurse sind beliebt wie nie zuvor. Bevor es zu einem Missverständnis kommt: die Pandemie mit ihren Auswirkungen, wie etwa dem vermehrten Zuhausebleiben, und Netflix stecken da nicht unter einer Decke. Die Miniserie „Das Damengambit“ über eine junge Frau, die in den USA der 1960ern eine Schachkarriere durchläuft, ist nicht nur eine sehr gute Serie, sie macht auch ganz offensichtlich Lust auf Schach. Auch bei uns in der Familie. Die grundsätzlichen Regeln sind einfach und daher können Kinder schon sehr früh Schach lernen. Glück spielt keine Rolle und jede Partie ist anders. Zudem ist es ein sehr höflicher Sport. Der Verlierer gibt respektvoll dem Sieger die Hand und man gewährt dem Gegner die Bedenkzeit, die er für den nächsten Zug braucht.

Nun stehen uns der nächste Lockdown und die Feiertage bevor. Anders als im Frühjahr ist es diesmal, nun ja, kein Frühjahr. Allein das kann auf das Gemüt schlagen. Fatal wäre es, sich gehen zu lassen und in die Unsicherheit hineinzuleben. Hilfreich wäre es, eine Strategie für die Zeit zu entwickeln. Oder lieber eine Taktik? Savielly Tartakower meinte dazu: „Taktik ist, was man tun muss, wenn etwas zu tun ist. Strategie ist, was man tun muss, wenn nichts zu tun ist.“ Tartakower war Schachspieler und redet hier auch über Schach.

Nun hinken Vergleiche in der Regel. Das Leben ist kein Brettspiel. Wir Menschen sind die unbewegten Beweger; sind ausgestattet mit Höflichkeit und Respekt. Also was bleibt am Ende? Es scheint doch wieder alles viel zu verkopft, wenn zwischen den Zeilen große Erkenntnisse erwartet werden oder Geheimnisse. Also runter auf den Teppich und weg mit der Decke, unter der niemand zusammen steckt, und, ihr ahnt es, die Kinder gefragt, was denn nun so toll am Schach ist. Antwort: „Es bringt einfach Spaß.“ Was Kinder sagen, ist für Erwachsene oft schwer zu denken. Daher noch eine letzte Frage ohne Antwort: „Was ist denn nun so toll am Leben?“

Euer Patrick


02.12.2020

Kaffee oder Tee? Beatles oder Stones? Hund oder Katze? Lego oder Playmobil? Obwohl das noch recht harmlose Beispiele für das „Entweder-Oder“ sind, können selbst die für Diskussionen sorgen. Sogar für einen innerlichen Unmut verantwortlich sein, denn wir möchten für uns selbst ja auch Klarheit. Was möchte ich und was mag ich überhaupt? Sich für eine Sache zu entscheiden ist das eine, die Erkenntnis sich nicht entscheiden zu müssen das andere. Eine Bekannte berichtete mir zu diesem Thema, dass es sie morgens nervt, sich für Kaffee oder Tee entscheiden zu müssen, da sie beides gern trinkt. Ihre Lösung war ganz wunderbar: Sie traf die grundsätzliche Entscheidung immer im Wechsel zu trinken; den einen Tag Kaffee, den Tag darauf Tee usw.

Dem geht natürlich voraus, dass sie sich nicht in gedankliche Schubladen verirrt hat, und sie möchte sich nicht über ein Getränk definieren. Interessant wird es, wenn das Glas Wasser ins Spiel kommt. Klassische Frage bei Besuch, ob nun privat oder geschäftlich, ist oft: „Kaffee oder Tee?“ Manchmal kommt noch wie das unliebsame Kind hinterher: „Oder lieber nur Wasser?“ Das Wörtchen „nur“ sagt es schon: Wasser ist ungemütlich. Es ist nicht angemessen. Es passt nicht in das „Entweder-Oder“. Daher machen wir mit dem Wasser gleich ein neues Fass auf, indem wir es in „mit“ oder „ohne“ aufteilen. Ob nun Hang zur Symmetrie oder gedankliche Kraftschonung, Dualismus kann helfen die Welt zu deuten, macht es sich aber oft zu leicht. Es fehlen die Grautöne. In diesem Zwielicht kann sich eine Entspannung ausbreiten, sich nicht für Tag oder Nacht entscheiden zu müssen, sondern beides gleichermaßen zuzulassen.

Eine solche Überlegung ist im Grunde auf so ziemlich alles anwendbar. Philosophie, Politik, Gesellschaft oder Kunst. Ich persönlich mag die Idee, die hinter dem traurigen Clown steckt. Der Clown Joseph Grimaldi soll folgenden Witz über sich selbst verbreitet haben: „Ein junger Mann geht zum Arzt und klagt über seine unüberwindlichen Depressionen. Darauf rät ihm der Arzt, er solle doch zum berühmten Clown Grimaldi gehen, um sich aufzuheitern. Der Patient erwidert: ‚Aber ich bin doch Grimaldi.‘“

Es lässt sich also durchaus hin und wieder ein „oder“ durch ein „und“ ersetzen. Mein Sohn macht das ständig: „Papa, welchen Superhelden findest du am besten? Spiderman oder Batman?“ Ich überlege, wäge ab und komme zu dem Schluss: „Batman.“ Darauf mein Sohn: „Ich finde beide am besten.“ Recht hat er.

Euer Patrick


18.11.2020

In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Keine Sorge, jetzt folgt keine Empörung, sondern nur die kleine Überlegung, in welcher der drei Zeitgestalten man sich am liebsten aufhält. Sich ausschließlich in der Vergangenheit zu baden oder alles nur auf die Zukunft auszurichten darf gern mal unangebracht, wenn nicht sogar schädlich sein. „Aber wir leben doch in der Gegenwart“ mag nun der richtige Satz sein. Geschenkt. Die Gegenwart ist nicht genau zu bestimmen – sie ist irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der Gehirnforschung legen Studien nahe, dass das Gehirn die Gegenwart in knapp drei Sekunden verarbeitet. Ein Zeitraum, der gut zu Einheiten in Lyrik und Musik passt. Innerhalb der Lieder, die wir hören, oder der Texte, die wir lesen, wandern wir mit unserer gegenwärtigen Aufmerksamkeit durch die Zeit.

Und dann kommt das Reisen durch die Zeit; die Nostalgie etwa. Das Hören der alten Lieder kann uns in die Vergangenheit zurückholen. Nicht nur zufällig, sondern ganz bewusst. Das sind nicht nur Erinnerungen, sondern emotionale Zeitreisen. Das geht natürlich auch mit Gegenständen, Bildern, Orten und Fernsehserien. Die Nostalgie ist Heimweh und kann uns ein heimeliges Gefühl geben.

Welches ist wohl das erfolgreichste Hörspiel der Welt und Einschlafhilfe Nummer eins der Deutschen? Die Drei ??? sind auch bei mir ein Stück Heimat. Die vertrauten Stimmen sind es, die viele Menschen wohlig in den Schlaf begleiten. Die nostalgische Krönung ist, dass die Hörspiele bis heute neben modernen Varianten auch stets als Schallplatte und Kassette zu erwerben sind.

Da schwingt auch immer ein Stück Verlässlichkeit mit – bei dem, was uns lieb geworden ist. Mit einer solchen Vergänglichkeit im Rücken lässt es sich auch offener mit der Zukunft umgehen. Gedankenspiele, wie es in der Zukunft aussehen könnte, sind spannend, erwartungsvoll oder auch beängstigend. Kommt halt darauf an, wen man fragt oder wie alt die Person ist. Jedenfalls macht die Gegenwart den Unterschied aus. Drei Sekunden Zeit haben wir, um ein Stück Zukunft zu gestalten. Kaum über die Sekunden nachgedacht sind diese schon vergangen. Recht schnell. Das wusste schon Friedrich Schiller: „Dreifach ist der Schritt der Zeit: | Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, | Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, | Ewig still steht die Vergangenheit.“

In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Drei Zeiten. Drei Sekunden. Drei ???.

Euer Patrick


04.11.2020

Lineares Fernsehen und nichtlineares Fernsehen. Ersteres ist das, was noch gemeinhin als Fernsehen verstanden wird. Letzteres bezeichnet das Schauen von Nachrichten, Filme, Serien etc. über das Internet und ist zeitlich flexibel abrufbar. Bei einem von beiden gibt es den interessanten Aspekt des Gemeinschaftsgefühls, denn zu einer festen Uhrzeit wird eingeschaltet. Man schaut gleichzeitig. Nun verliert das lineare Fernsehen an Bedeutung, was nachvollziehbar und schade zugleich ist. Das sage ich, obwohl ich vor etwa zehn Jahren den Fernseher in den Keller gestellt habe. Es war mir nicht möglich mich zu disziplinieren und dem Zapping zu entkommen – also kalter Entzug. Das tat sehr gut, auch wenn ich noch ein paar Tage auf dem Sofa liegend eine Phantomfernbedienung in der Hand spürte.

Ich stellte fest, dass ich somit zu den 1% der Nichtfernseher gehörte. Ein unglaublich positiver Effekt war der Zeitgewinn. Was kann man an einem Abend so alles lesen, hören oder anderweitig machen, wenn das Fernsehprogramm einem nicht die Zeit stiehlt! Dies gilt auch nach wissenschaftlichen Studien (Ja, die gibt es darüber.) als größter Vorteil. In Peter Sickings „Leben ohne Fernsehen. Eine qualitative Nichtfernseherstudie“ steht: „Das alltägliche Handeln der bewusst-reflektierten Nichtfernseher wird maßgeblich von ihrem Bedürfnis nach authentischer, bewusster Welterfahrung und sinnhafter, selbstbestimmter Lebenserfüllung bestimmt.“ Das Buch ist 2008 erschienen und ich muss eingestehen, dass ich das TV-Gerät durch ein Smartphone ersetzt habe. Zeit wird nicht vor der Glotze, sondern mit dem internetfähigen Ackerschnacker totgeschlagen. Für eine bewusstere Welterfahrung müsste nun das Smartphone in den Keller oder es braucht eben mehr Disziplin mit dem Umgang.

Jedenfalls hat mich das lineare Fernsehen wieder eingeholt, da es mittlerweile auch im Netz ausgestrahlt und kein Fernseher benötigt wird. Gut für mein Gemeinschaftsgefühl, aber als Nichtfernseher kann ich mich also nicht mehr bezeichnen. Gerne möchte ich aber noch „bewusst-reflektiert“ sein – so mit Lebenserfüllung und so weiter. Da hilft der gute alte Strandspaziergang, ohne Handy versteht sich. Was für ein Privileg hier zu leben und stets an den Strand fahren zu können! Neben der Tatsache die Gedanken schweifen zu lassen, liebe ich den Blick auf das Meer bis zu dem Horizont. Und da bin ich es dann gern: ein Fernseher.

Euer Patrick


21.10.2020

Schreibblockade. Das kommt immer wieder mal vor. Ich stehe mit verschiedenen Menschen im Kontakt, die mit Hilferufen in einen Forum oder einer Gruppe im Internet nach Lösungen suchen, sich aus einer Schreibblockade zu befreien. Da gibt es viele Möglichkeiten: Spaziergang, Vertagen, Alkohol, Tee, Kaffee, Musik oder Zeitdruck. Oder ganz was anderes. Letztendlich ist es egal wie man die Blockade in den Griff bekommt. Ich finde es allerdings erstaunlich, dass es zu einer solchen Blockade kommt, denn sie scheint keinem Zweck zu dienen außer Frust hervorzurufen. Frust hilft nun genau so wenig wie Aufregung und der erste Schritt sollte es sein die Stimmung zu verbessern. Daher helfen die genannten Tipps in der Regel auch.

Ich selbst fange mit dem ersten Satz an. Klingt jetzt furchtbar banal. Aber ein mieser Satz ist zumindest ein Satz und zugleich ein Einreißen der Blockade. Sprachlich zeigt sich hier ein Unterschied: Blockaden lösen und Blockaden einreißen. Welches Modell letztendlich funktioniert, hängt oft mit der Höhe des Zeitdrucks zusammen. Außerdem braucht es auch Entscheidungskraft. Jedes Wort ist im Grunde eine Entscheidung. Leider haben wir pro Tag nur eine begrenzte Ressource an Entscheidungen zur Verfügung. Treffen wir über den Tag verteilt Entscheidungen, wird das Entscheidungskonto immer leerer – abends spüren wir es. Allein morgens sich darüber Gedanken zu machen, was wir anziehen wollen, leert dieses Konto. Daher trug z.B. Steve Jobs immer das gleiche; er wollte sich morgens nicht mit unwichtigen Entscheidungen plagen und seine Ressourcen schonen.

Nun fragst Du Dich vielleicht, ob ich eine Schreibblockade hatte, als ich diese Kolumne beginnen wollte. Nicht ganz. Ehrlich gesagt hatte ich einen anderen Text geschrieben und er funktionierte nicht richtig. Ich mag ihn, aber nicht als Kolumne. Das ist die nächste Stufe der Frustration: Kill your darlings. Liebgewordenes sterben lassen. Formulierungen, Ideen, Wörter, auf die man stolz ist, die aber nicht dem Ziel dienen, streichen müssen. Da hat man die Blockade überwunden und dann ist es nötig einen Teil davon wieder verschwinden zu lassen. Kreativität und Methode gehen Hand in Hand. Daher ist es immer eine spannende Frage: Wie viel Persönlichkeit des Menschen steckt in seinem Text? Alles. Immer. Wirklich.

Euer Patrick


07.10.2020

Was ist wichtiger? Die Frage oder die Antwort? Natürlich die Frage, denn diese impliziert ja schon die Antwort. Anders gesagt: Ohne Fragen keine Antworten. Um an gute Antworten zu kommen, sind die eben guten Fragen die Voraussetzung. Und das ist der Knackpunkt: Wir neigen dazu, uns zu sehr auf Ergebnisse und generelle Befriedigung zu richten, als mit der richtigen Frage schon zu Beginn des Denkprozesses den richtigen Weg einzuschlagen. Ok, das klingt jetzt alles recht abstrakt. Es geht in erster Linie um die Fragen, die wir uns selbst stellen. Das passiert ständig, denn Denken ist eine Reihe und meist auch Kettenreaktion von Fragen an uns selbst. (Na, hast Du Dir gerade die Frage gestellt, ob das stimmt?) Wenn es einem schlecht geht, miese Laune zum Beispiel, dann kann man sich fragen: Warum geht es mir schlecht? Oder man stellt sich die Frage: Was kann ich tun, damit es mir besser geht? Die erste Frage hilft nicht weiter. Die zweite schon. Oder um George Bernhard Shaw zu zitieren: „Viele Menschen sehen die Dinge, so wie sie sind – und fragen: ‚Warum?‘ Ich träume von Dingen, die es noch nie gegeben hat, und frage: ‚Warum eigentlich nicht?‘“

Es ist also lohnenswert sich über die richtigen Fragen Gedanken zu machen – auch wenn dies schwer fällt, denn wir fahren im Alltag doch gern gedanklich auf Autopilot und das Außergewöhnliche oder die Krise zwingt uns diesen wieder auszuschalten. Ist nur schade, wenn das zu spät ist, da wir gute Fragen schlecht trainiert haben.

Wer Kinder hat, hat das Glück mit Fragen geradezu bombardiert zu werden. Mit richtig guten Fragen, denn Kinder möchten dazulernen, eigenständig denken und sie versuchen zu beurteilen, welche Bedeutung eine Situation hat und was sie tun sollen. Sie wollen uns damit nicht nerven – auch wenn es sich so anfühlt. Viele Fragen bedeuten viele Blickwinkel und erweitern unser Sichtfeld.

Mit Fragen nehmen wir direkten Einfluss auf unser Denken und das unserer Mitmenschen. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich frage: „Bin ich glücklich? Was bringt mir Glück?“ oder ob ich frage: „Worüber bin ich jetzt gerade glücklich? Wofür bin ich heute dankbar?“ Eigentlich recht schöne Fragen, oder? Bleibt noch kurz zu klären: Gibt es dumme Fragen? Antwort: Ja.

Euer Patrick


23.09.2020

Es gibt eine Menge Superhelden. Ja, ich meine diese Menschen und Wesen mit übermenschlichen Kräften, Heldenmut und dem Hang das Böse zu bekämpfen. Sie sind popkulturell allgegenwärtig in Kino, Serien, Bücher und natürlich Comics. Ein gänzlich modernes Phänomen sind Geschichten mit Superhelden nicht. Schon literarische Figuren wie Herakles oder Simson faszinierten mit besonderen Kräften und abenteuerlichen Geschichten. Und immerhin ist Batman auch schon über 80 Jahre alt. Mittlerweile gibt es sogar den jährlich stattfindenden Batman-Tag. Es gibt also nicht nur eine große Zahl verschiedener Superhelden, sondern auch eine umsatzstarke Unterhaltungsbranche.
Möglicherweise funktioniert das gerade so gut, da es bei vielen Menschen nicht nur eine Sehnsucht nach Helden gibt, sondern auch nach fantastischer Übermenschlichkeit. Dass der Eskapismus uns gern mal in ein Abenteuer auf dem Bildschirm oder in ein Buch, in dem es eher einfach gestrickt zugeht, treibt, ist eine Sache. Auf der anderen Seite sollte unser privilegiertes Leben nicht so langweilig sein, dass Superhelden nicht in eben diesem stattfinden dürfen. Das „super“, also das Übermenschliche, ist zwar der Fiktion zu überlassen, aber über sich hinauszuwachsen ist auch eine Möglichkeit. In den lustigen Taschenbüchern gibt es Donald Ducks Alter Ego Phantomias. Wer Donald kennt, weiß, dass er in der Regel vom Pech verfolgt, faul und nicht ganz so helle wie seine Neffen ist, aber schon schlauer als Dussel. (Übrigens wurde Phantomias 1969 geschaffen, da sich Kinder beim Verlag beschwerten, dass Donald immer nur als Verlierer dargestellt wurde.) Als Phantomias legt er diese Eigenschaften ab und als Leser fragt man sich doch, warum er nicht auch tagsüber im normalen Leben so schlau und mutig wie sein zweites Ich sein kann. Was hindert ihn eigentlich? Außergewöhnlich funktioniert halt nur im Gewöhnlichen.
Selbst diejenigen, die sich nicht für heldenhafte Figuren begeistern können, finden Faszination am Außergewöhnlichen. Für den notorisch unpünktlichen Menschen, ist das einmalige Pünktlichsein eine Heldentat. Oder einfach nett zu jemanden sein, der dies nicht war – eine Superkraft. Lächeln ist auch so eine Superkraft. Die besitzen wir alle und in unbegrenztem Maße. Es gibt übrigens nicht nur den Batman-Tag, sondern auch des Tag des Lächelns. Am 2. Oktober findet der dieses Jahr statt und wir können alle Superhelden sein.

Euer Patrick


09.09.2020

Geschmacksneutral. Ein Wort, das wir in Bezug auf Lebensmittel kennen. Da gibt es eben Dinge, die keinen spezifischen Geschmack haben und daher lässt sich darüber auch nicht streiten. Über Musik, Filme, Bücher oder ganz allgemein über Kunst lässt sich hingegen streiten. Nun gut, besser gesagt diskutieren. Da trifft der Geschmack schon mal oder es ist geschmacklos. Da sind die Geschmäcker verschieden.

Ich lese gerade ein Buch, dass gemeinhin als Klassiker bezeichnet wird – zumindest im Genre der Science-Fiction. Jedenfalls wurde mir mit dem Wissen, dass es sich um ein wohl gutes und honoriertes Buch handelt, eine Geschmacksrichtung vorgegeben. Nachdem ich nun etwa die Hälfte des Romans gelesen habe, komme ich zu dem Schluss, dass ich ohne das Wissen bereits das Buch beiseite gelegt hätte. Aber ich lese weiter und kann nun nicht mehr ganz entscheiden, ob ich es mag oder nicht. Es fühlt sich gerade geschmacksneutral an.

Ähnliches empfand ich bei Liedern, die mir vor Jahren egal waren. Sie lösten bei mir keine bestimmten Emotionen aus. Sie waren mir gegenüber neutral. Ich war ihnen gegenüber neutral. Mittlerweile können solche Lieder bei mir sehr wohl Gefühle auslösen und ich habe Geschmack an ihnen gefunden.

Sich der Geschmacksneutralität hinzugeben ist ein Resultat der Gelassenheit. Unvoreingenommen und mit innerer Ruhe nicht nur den Dingen an sich, sondern auch den schwierigen Situationen, mit Fassung gegenüberstehen. Das ist doch ganz wunderbar. Das gefällt mir und das klingt furchtbar erwachsen. Die Jugend hingegen hat das Privileg der Unruhe. Sich eben nicht gelassen geben, sondern sagen, ja, heraus schreien, was nicht gefällt. Die selbsternannten Geschmacklosigkeiten vorführen und missbilligen. Da heißt es über Geschmack streiten, denn es gibt den guten und schlechten Geschmack. Und auch das ist ganz wunderbar.

In einem Gespräch mit einer befreundeten Lehrerin kam sie auf die Schüler zu sprechen, die fürchterlich angepasst waren. Jugendliche, die als Berufswunsch den der Eltern hatten. Sie spürte da keine Rebellion. Wir waren jedenfalls der Meinung, dass Jugend aufbegehrend sein sollte. Auch wenn es anstrengend ist und zu Streitereien führt. Aber dafür haben wir ja unsere Gelassenheit. Unsere Geschmacksneutralität, die mich das Buch weiterlesen lässt, das ich als Jugendlicher in die Ecke geworfen hätte. Ich muss mich zumindest nicht mehr mit Büchern streiten.

Euer Patrick


26.08.2020

Geschenke sind ein wichtiger Bestandteil unserer Beziehungen zu anderen Menschen, zugleich eine sehr große Herausforderung. Nicht selten mit Enttäuschung verbunden und daher ist es nicht verwunderlich, wenn es gern mal heißt: „Wir schenken uns nichts.“ Das scheint eine gute Lösung für das Problem mit dem Schenken zu sein. Kein Kopfzerbrechen mehr, was ihr oder ihm eine Freude machen könnte. Und überhaupt: Kann sie oder er es denn gebrauchen? Mir persönlich sind Geschenke gar nicht so wichtig. (Auch so ein Satz …) Aber dennoch freue ich mich über Geschenke. Bei nicht so gelungenen Gaben freue ich mich über die Geste – wirklich.

Mir gefiel schon immer die Herleitung vom Wort „Gift“, welches im Englischen ja noch die Bedeutung von Gabe bzw. Geschenk hat. Die Übergabe einer Aufmerksamkeit, einer, ganz allgemein gesagt, Sache, kann wohltuend, aber auch toxisch sein. Wie bei einer Arznei sollte ein Geschenk in Dosis und Art angepasst sein. Das gelingt nicht immer – klar. Bei manchen sogar äußerst selten und bei anderen wiederum klappt es immer. Sie finden stets das richtige Geschenk.

Das ergibt natürlich nur Sinn bei einer bestimmten Voraussetzung: Die Nichterfüllung von Wünschen. Erfülle ich einfach nur den Geschenkwunsch, dann bin ich eben nur der Überbringer. Als Eltern sind wir oft diese Überbringer. (Vorher überlassen wir es den fantastischen Wesen.) Zwischen Erwachsenen jedoch sollte es nicht um Wunscherfüllung gehen, sondern um die Geste und welcher Gedanke hinter dem Geschenk steht. Daher können Geschenke eine freudige Überraschung sein, obwohl man sich für wunschlos glücklich hält.

Warum schreibe ich jetzt und nicht in vier Monaten über Geschenke? Ich hatte gerade Geburtstag und ich wurde beschenkt. Eben nicht nur mit Dingen, sondern auch mit liebevoller Aufmerksamkeit. Und seien wir mal ehrlich: Das tut gut. Jede und jeder hat glücklicherweise Geburtstag und darf diese Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und freut sich darüber hinaus über eine kleine Aufmerksamkeit – sprich Geschenk. Auch auf die Gefahr, dass es mal giftig sein kann, sollten wir uns gegenseitig beschenken, denn für unsere Beziehungen kann es sehr heilsam sein.

Euer Patrick


21.8.2020

Wollen wir uns nicht einfach duzen? Ich biete gern das „Du“ an und meist wird es auch gern angenommen. Ob nun das Siezen höflicher und respektvoller ist, liegt in der Bewertung einer jeden und eines jeden selbst. Ich persönlich behalte meinen Respekt auch beim Duzen bei – beruflich und privat. Per Du auf Augenhöhe kann störende Hierarchien abschaffen. Dass der Respekt nicht verloren geht, haben meine Frau und ich in Norwegen kennengelernt. Dort wird, wie etwa auch in Schweden, stets geduzt. Da die Tasche meiner Frau nach einer Busfahrt in Oslo verschwunden war, machten wir uns auf den Weg zur Polizeihauptwache der Stadt. Das Gebäude, die Polizistinnen und Polizisten und das allgemeine Gewusel machte Eindruck. Nachdem wir uns am Eingang angemeldet hatten, mussten wir noch etwas warten. Dann wurde meine Frau aufgerufen. Mit ihrem Vornamen. Die Polizistin duzte meine Frau von Anfang an und das noch in einem guten Deutsch. Es war angenehm menschlich und der Respekt blieb.

2017 wurde auf „Deutschlandfunk Kultur“ von einer Studie berichtet, dass in Norddeutschland mehr geduzt wird als im Süden der Republik. Da hieß es „Je Norden desto Du“. Das liegt wohl an der Nähe zu unseren skandinavischen Nachbarn. Eine bundesweite Du-Reform, wie vor 50 Jahren in Schweden, wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Aber für Fehmarn habe ich noch Hoffnung – die Insel, auf der geduzt wird.

Euer Patrick


29.07.2020

Ich habe gelernt, dass man einen Satz nicht mit „Ich“ beginnen und dass man „man“ eher nicht gebrauchen sollte. Und doch mache ich dies recht häufig und gern; auch einen Satz mit „Und“ zu beginnen war in den Augen meiner Deutschlehrerin kein guter Stil. Zudem mag ich den Gebrauch des Semikolons; es kommt einfach zu selten vor.

Als ich noch als Wissenschaftler an der Uni Kiel Handschriften um 1800 ediert habe, lernte ich einiges an Varianten und, ich sage mal, den lockeren Umgang mit Schreibweisen kennen. Die SchreiberInnen konnte ich gut an der Handschrift unterscheiden, aber es wurde auch viel abgeschrieben. Anhand der Schreibung von Wörtern und des Gebrauchs von Satzzeichen, konnte ich gut den Urheber bestimmen. Es war nicht immer leicht zu bestimmen, ob Wörter falsch geschrieben wurden oder ob es einfach eine der Eigenarten der VerfasserInnen war. Die Vereinheitlichung der Schreibung begann ja erst zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Ich mag noch immer den Gebrauch von „mogte“ für „mochte“. Das liegt auch daran, dass meine Tochter als Kleinkind gern „mogte“ gebrauchte. Das war wohl einige Zeit auch Mode, denn so ist in dem „Wochenblatt über die Richtigkeit des deutschen Ausdrucks“ (Jahrgang 1802) zu lesen: „Es giebt viel sonderbare Menschen in der Welt, welche sich selbst über gewisse Erfindungen, auf die ein Kind eben so gut verfallen könnte, heimlich und öffentlich Beifall zuklatschen, und dann am Ende doch wohl – gänzlich Unrecht haben. So geht es denen, welche ‚mogte, ‚mögte‘ und ‚gemogt‘ schreiben, und sich hoch über diejenigen hinausdünken, die bei dem längst eingeführten und lange allgemein gebräuchlich gewesenen ‚mochte‘, ‚möchte‘ und ‚gemocht‘ bleiben.“

Sprache und deren Schreibung ist steter Veränderung unterworfen, ob nun bewusst gesteuert oder sich frei entwickelnd. Ich bin daher sprachlichen Veränderungen, ob nun in der Jugendsprache oder der starke Einfluss von Begriffen durch Internet und Digitalisierung, aufgeschlossen. Und ich freue mich sehr, wenn meiner Tochter noch vereinzelnd ein „mogte“ herausrutscht.

Euer Patrick